Zeiten des Aufruhrs: Die Desktop-Frage 2011 – Eine Analyse
11. Nov 2011
»I don’t want you to think of this as just a film – some process of converting electrons and magnetic impulses into shapes and figures and sounds – no. Listen to me. We’re here to make a dent in the universe. Otherwise, why even be here? We’re creating a completely new consciousness, like an artist or a poet. That’s how you have to think of this. We’re rewriting the history of human thought with what we’re doing.« —Steve Jobs im Spielfilm “Pirates of Silicon Valley”, 1999
Ein Zitat, das mir vermittelnd-bezeichnend zu sein scheint für den Geist des Umbruchs, den wir gerade erleben. Denn es passieren Dinge auf der Welt, die unsere Gedankenwelt verändern, weil wir spüren, dass es Zeit dafür ist.
Doch hier soll es um Linux gehen, und auch dort lässt sich das Zitat einsetzen. Kein anderes Thema war in diesem Jahr im Linux-Umfeld so aufregend wie der Kurs des Linux-Desktops. Es fanden bedeutende Entscheidungen und Veröffentlichungen statt, die mit dem alten Paradigma der Benutzeroberfläche brachen, einfach, weil man fand, es sei an der Zeit.
Ich möchte den Versuch wagen, ein wenig die Zusammenhänge und Ideen zu beleuchten, die die Projekte ausmachen, die mich dieses Jahr so umtrieben. Es ist offensichtlich: Die Reise geht hin zu Touch-optimierten Oberflächen und einer radikalen Zuwendung zu Applikationsorientierung und Semantik, weg von der makrokosmisch offenbarten strukturellen Technik. Oftmals fragt man sich: Gibt es abseits dessen eine Langzeitvision, ist da was? Meine Betrachtung ist offen subjektiv und ich lade zur Diskussion ein.
Es wurde so viel geschrieben. Die Arbeit, die neuen Desktop-Umgebungen bis ins Detail vorzustellen, haben andere gemacht und an Ende dieses Beitrags habe ich einige Links gesetzt.
Kapitel:
1 – Revolution statt Evolution
2 – Unity — die UI-Konzept-Katastrophe
3 – Compiz als Grundlage
4 – Canonical, der Schurke
5 – Flucht!
6 – KDE
7 – Der Wert einer schönen Software-Architektur
8 – Von Integriertheit und Harmonie
9 – Plattform vs. Ökosystem
10 – Feature Regressions
11 – Philosophische Ergüsse
12 – Wo es denn nun hingeht
13 – Neue Geräteklassen und die Konvergenz
14 – Finale
15 – Auswahl weiterführender Artikel
1 – Revolution statt Evolution
Mit Version 3 wurde GNOME seinem seit der Veröffentlichung von Version 2 geführten Entwicklungsmodell untreu, das viele kleine stetige Verbesserungen statt die Konzentration auf große Neuerungen bedeutete. Ergebnis dieser Anstrengungen von 2002 bis 2009 war ein Desktop Environment, ziemlich nah an der Marke, die man Perfektion nennen könnte: Hohe Produktivität, kurze Mauswege, reich an Individualisierungsmöglichkeiten.
Doch die Entwicklung stagnierte, man hatte sich im konzeptionellen Design verfahren. Viele neue Ideen, die die Nutzer wünschten, erschienen ungeeignet für die Art, wie man GNOME mit seinen Panels, Applets und Systray bediente. Der ganze Desktop war Datei-orientiert aufgebaut: Dateien im Dateisystem, nicht Informationen des Nutzers. Für Forderungen wie Benachrichtigungsblasen konnte man im GNOME-Projekt keine Umsetzungsmöglichkeit finden. Es gab eine Menge Ideen die man hätte integrieren können, die Umsetzung aber wäre nicht ganzheitlich gewesen, weil sie das bisherige konsistente UI-Konzept unterlaufen hätte, mit bestehenden runden Paradigmen gebrochen hätte.
Auftritt Canonical 2008: Der vom GNOME-Projekt viel geliebte Ubuntu-Distributor emanzipiert sich. „Sie liefern die beste GNOME-Distribution, sie liefern GNOME so aus, wie es wirklich ist!“, war der Chorus bisher. Canonicals Ayatona-Projekt leuchtet skizzenhaft immer mal wieder auf. Der Ubuntu-Entwickler tritt unberührt der Interface-Mimosen des GNOME-Projektes an die Verwirklichung von unverwirklichten Ideen. Zu aller erst wird ein neues Abmeldemenü rechts im oberen Panel, dann ein Benachrichtigungssystem und dann eine neue Art von interaktivem Panel-Element, Indikatoren, angegangen. Während die Ubuntu-Community den kühnen Vorstoß jubelnd Willkommen heißt, werden GNOME-Entwickler und etablierte Standardisierungsgremien bei den Canonical-Entwürfen großteils übergangen. Die zu keinem Ergebnis führenden, da kontroversen Diskussionen mit GNOME-Leuten werden von Canonical-Entwicklern vermieden, die nötigen Patches mehr oder weniger letztlich selber mit heißer Nadel in die Distributionspakete eingepflegt, ohne dass sie Upstream gehen.
Wer aufmerksam war, konnte in der Ferne bereits den sich abzeichneten unvermeidlichen Bruch von Ubuntu mit GNOME erahnen.
Dann begann die Diskussion zu GNOME Version 3, aus der sich Canonical raushielt, prinzipiell mit dem Verweis auf die geleisteten Eigenentwicklungen zum Wohle des ganzen Desktops, diese möge man doch integrieren.
Der weitere Entwicklungsverlauf von GNOME 3 sei hier ausgespart, ich will mich gleich mit dem Ergebnis beschäftigen:
GNOME 3 hat die Gemüter von vielen langjährigen Nutzern auf Kesseltemperatur gebracht: Es sei zu bevormundend, zu restriktiv; das neue Aktivitäten-Paradigma, nun ganz inhaltzentrisch und Anwendung-orientiert, inkompatibel zum Power-Nutzer; es ließe sich nichts mehr einstellen. (“GNOME 3 ist restriktiver als Apple erlaubt.”) Vieles der Kritik lässt sich mit den von den Entwicklern unterschätzter notwendige Umsetzungszeit erklären, es ist einfach noch nicht fertig; anderes sind grundlegende Design-Entscheidungen, die getroffen wurden, und manchem nicht schmecken.
DIe bei Planung angedachten eigentlich zentralen Elemente ›Zeitgeist‹ und sein Front-End ›Activity Journal‹ zur Aufzeichnung von verschiedenen Nutzer-Aktivitäten in eine systemweite intelligent kombinierende Datenbank mit APIs für alle Anwendungen haben noch immer nicht Einzug in die GNOME-Kompilation gehalten, das betrachte ich als den Startfehler von GNOME 3 überhaupt. Ohne diese Komponenten ist das forcierte neue Bedienparadigma unstimmig, da inkonsequent und unvollendet. Ich hoffe sehr, dass sich da sehr bald etwas tut.
Um es kurz zu machen: Ich bin kein Fan der neuen Aktivitäten-Oberfläche, vor allem, weil sie mir Kontrolle nimmt, die ich vorher hatte – das aber auch hauptsächlich durch Fremdsoftware wie Compiz, das wegen der engen Verzahnung von Aktivitäten-Overlay und Fenstermanager nun nicht mehr direkt einsetzbar ist. Besonders gut gefällt mir das neue Panel-Paradigma mit konsistent integrierten Benachrichtigungen und dynamisch einblendenden Systray-Bereich. Die neue Richtung einer voll Touch-ausgerichteten Oberfläche halte ich für weitsichtig und angebracht. Generell spricht mich GNOME 3 Shell mehr an als das gleich zu behandelnde Unity, vor allem, weil ich eine Vision erkenne, die es dem Nutzer ganz von Herzen einfacher machen möchte. Viele der anfänglichen Kritikpunkte wurden mit GNOME 3.2 entschärft, oder durch die exzellente Scriptbarkeit des neuen Desktops mit externen Erweiterungen behoben. GNOME 3 Shell hat Potential, es ist durchdachte Technik mit einer großen Weitsichtigkeit im UI-Design, die uns noch überraschen wird, aber es braucht mehr Zeit. Für eine neue Generation von Nutzern, die mit Inhalten umgehen möchten und nicht mit Containern, halte ich GNOME 3 Shell (einmal mit Zeitgeist und Activity Journal) für die ideale Oberfläche über Geräteklassen hinweg, und wollte es selber nutzen, wenn ich nicht so ein alter Hase wäre und mehr (nicht erst noch zu erschaffende!) Möglichkeiten gewohnt. Zum Thema der Feature Regressions führe ich weiter unten noch meine Gedanken aus.
2 – Unity — die UI-Konzept-Katastrophe
Canonicals Antwort auf GNOME 3 Shell ist Unity. Hervorgegangen aus einem ursprünglich für Netbooks entwickelten Minimal-Hack auf Compiz zur Bildschirmplatzersparnis entschied sich der Distributor als es ernst mit GNOME 3 Shell wurde, eigene Wege zu gehen, um ›am Markt herausstechen zu können‹. Sonderbares Vorgehen bei einer Linux-Distribution, aber gut, es ist Freie Software. Die Ähnlichkeit der GNOME 3 Shell-Aktivitäten und einiger Elemente von Unity ist nicht zufällig, schließlich waren die Designstudien zu GNOME 3 längst entwickelt. Wie bei GNOME 3 Shell bekommt es der Nutzer bei Unity mit einem revolutionären statt evolutionären Bruch in der Oberfläche zu tun, wenn sich Unitys Bruch auch mehr auf Äußerlichkeiten als das tatsächliche Bedienparadigma bezieht, wie man es bei GNOME 3 Shell versucht. Aber der Reihe nach: Was sie zu dieser UI geritten hat, ich weiß es nicht. Canonical ist eigentlich dafür bekannt, professionelle Benutzbarkeitsstudien durchzuführen – ich habe selber auch damals das Verschieben der Fensterknöpfe nach links begrüßt. Unity betrachte ich als Fehldesign durch und durch.
In meinem Verständnis liegt dieses große Fehldesign konkret bei: Es kann nicht sein, dass man für die Programmsuche die Index-Suche durch Eintippen des Programmamens verwenden muss, weil die alten Menükategorien absichtlich verschwert zugänglich gemacht wurden. Das Konzept funktioniert nicht, wenn ich ein Einsteiger bin und überhaupt nicht weiß, wie die Programme heißen, sondern nur beispielsweise nach einem Schreibprogramm schauen möchte. Oder mir die Programmnamen nicht merken kann (weil sie mir scheißegal sind, zu Recht), oder ich eben *nicht an einem Laptop arbeite* und meine Zwei-Hände-Wege von Maus zu Tastatur nervend lang ausfallen – und nein, das Anpinnen im Dock von jeder kleinen Anwendung, die ich über die Woche brauche, ist keine ernsthafte Alternative dazu (Übrigens: Ich hasse Docks!!).
Zum Vergleich in GNOME 2: Ich fahre an die obere linke Bildschirmecke, klicke und fahre nach unten, hinein in die entsprechende Kategorie, zeige auf die Anwendung, und lasse die Maustaste los. Meistens selbst in meinen vollen Menüs keine zwei Sekunden. Und die Kategorien sind übrigens das, was Einsteiger oft am meisten unter Linux liebten: Weil es das unter Windows nicht gibt! Und was machen GNOME 3 und Unity nun? Sie verleugnen – das kann man so sagen – ja, verleugnen die sinnvollen Anwendungskategorien und möchten das Arsenal am Liebsten als großen Haufen mit Symbolen in Übergröße anzeigen. Und warum? Weil sie Apples iOS kopieren! Sinnverloren! Unity noch mehr als GNOME 3, da sind die Anwendungskategorien wenigstens noch dominant sichtbar, aber auch erst mit ZWEI Klicks zu erreichen, wo bei GNOME 2 einer reichte, um das Menü und später die Anwendung zu öffnen. Im Übrigen halte ich auch das Global Menue von Unity für schwachsinnigen Apple-Kopiertrieb. War bei denen sinnvoll, als man noch niedrigere Auflösungen hatte, und ist es heute auf der hoffentlich bald vollends verreckenden Gerätegattung der Netbooks, aber ich will meinen Bildschirmplatz auch ausnutzen, und auch nicht erst Fenster fokussieren müssen, um über einen Mausumweg in ihr Menü zu gelangen, dessen Sektionen dann außerdem erst beim Maus-Überfahren überhaupt angezeigt werden! – Dass man das Global Menue deinstallieren kann, spielt nichts zur Sache! Fehldesign!
Auch kann es doch nicht sein, dass eine grafische Benutzeroberfläche erst ›wirklich produktiv‹ wird (so schreiben Ubuntu-Fanblogs!), wenn man eine längere Liste Tastenkommandos gelernt hat. – Hallo — eine grafische Benutzeroberfläche sollte es gerade unnötig machen, dass man mit der Tastatur arbeiten *muss*!
Puh, erst mal beruhigen. Man sieht, Oberflächenänderungen verursachen immer hochemotionale Regungen in der Community. Aber Unity ist auch wirklich richtig schlecht. ![]()
In der Anwendungssuche werden zur Installation angebotene Anwendungen prominent angezeigt, während die Liste mit den zu einem Stichwort gesuchten installierten zusammengeklappt wird. Auch irgendeine Strategie, ein Konzept wie man die Verwaltung dieser Such-›Linsen‹ plant, kann ich nicht erkennen. Ich könnte jedes zweite Design-Element von Unity auseinandernehmen; ich sehe darin einfach keine klare Linie und Vision; Stückwerk; der Desktop geht am Nutzer vorbei, zuallererst an mir.
3 – Compiz als Grundlage
Ich bin Compiz-Enthusiast seit 2006. Ich liebe Compiz. Ich weiß, das klingt seltsam. Ich liebe meinen Firefox mit seinen drölfzig Add-Ons und ich liebe mein bis ins letzte Detail konfiguriertes Compiz. Ich liebe es. (Das Wort verwende ich nur mit dem allergrößten Bedacht, doch hier zögere ich keinen Moment, es zu benutzen.) Ohne die Grundparadigmen seiner Bedienung will ich nicht mehr am PC arbeiten.
Ich bin es gewohnt, mit einem Mausschwenk oder Tastendruck das Schicksal von dutzenden Fenstern zu kontrollieren, in einer Geschwindigkeit und Direktheit, die Mac-Nutzer ins Staunen versetzt. Ich liebe die wabbelnden Fenster und die sich aufspannenden Kontextmenüs. Den Würfel – bei mir ein Zylinder – mit den virtuellen Arbeitsoberflächen und 3D-Fenstertiefe. Ich bin verrückt nach allem, was mehr organisches Element, Physik, Plastizität, Realismus in meinen Computer-Alltag bringt.
(Klassiker-Video von 2007)
Canonical baut Unity seit Ubuntu 11.04 auf Grundlage des Compositing-Fenstermanagers Compiz auf. Darin eingegossen lassen sie noch ihr eigenes OpenGL-Toolkit Nux laufen, aber das Zentralmanagement über die Komponenten hat der Fenstermanager. Das Unternehmen befindet sich in einer verzwickten Lage: Ihre Spezial-Patches für GNOME 2 Shell gingen nicht Upstream – wie schon erwähnt durch eine Mischung aus Absonderungswillen und Arroganz – aber jetzt ist GNOME 3 Shell fertig und macht ihre Anpassungen inkompatibel. Nicht einfach inkompatibel, sondern unumsetzbar mit den neuen Gegebenheiten. Man könnte fast meinen, die Erkenntnis traf die Truppe ein bisschen überraschend. Man hat also viel Forschung und Integration über Jahre voran getrieben, und steht plötzlich ohne passendes Fundament da. GNOME 2-Komponenten werden veralten, einen Fork zu machen ein irrwitziges Unterfangen, alles aufgeben will man aber auch nicht, nicht zuletzt, weil es zum Bild der Distribution geworden ist und Nutzer sich daran gewöhnt haben. Was also tun? Canonicals Antwort: Wir nehmen das aktuelle GNOME 3 als Grundlage, ersetzen aber die für unsere Vorhaben unanpassbare Shell durch eine eigene. Ein schöner Kompromiss, will man meinen.
Ich sage: Compiz ist nicht die Lösung. Compiz ist ein außerordentliches Projekt, getrieben vom Experimentiergeist – und das ist auch gut so. Canonical denkt, es sei ihre Lösung und begeht damit einen Fehler: Ist es nicht, denn es ist nicht in das Desktop Environment als ganzes integriert. Hier kommen wir wieder bei den Bedienparadigmen an.
Was sie also tun, ist den Unity-Desktop IN Compiz hineinzubauen, was reichlich absurd ist. Für Compiz sprach wahrscheinlich die extreme Plugin-Architektur; die Situation, das man schon bisher für Desktop-Effekte darauf gesetzt hatte und keine Feature Regessions bei den Nutzern wollte, und ihr offizielles Statement, dass man sich mit Compiz besser auskenne als mit Mutter (der neue GNOME 3 Shell-Fenstermanager mit Compositing-Fähigkeiten). Überhaupt, die neue Unity-Oberfläche sollte 3D sein und Fenster verwalten, da ist es doch am einfachsten, man erweitert einen (unsichtbaren) Fenstermanager um eine (sichtbare) eigene Bedienoberfläche und vereinheitlicht mit einer eigenen Konfiguration. Das haben sie getan, und jetzt haben sie das Problem, dass die GNOME 3-Plattform sich mit jedem Major-Release in sich konsistenter macht in ihrem Ziel, ihr neues Bedienparadigma ganzheitlich umzusetzen. Jede Komponente bei GNOME 3 ist darauf ausgelegt und strebt das Projektziel an, das sich in ganz grundsätzlichen Fragen, eben Bedienparadigmen, von dem doch eher klassischen Ansatz Unitys unterscheidet. Also in Zukunft wieder viele GNOME-Komponenten patchen?
»Hier entsteht dann etwas der Eindruck, dass man bei Canonical nicht so recht weiß, wie man die zunehmend divergierenden Ansätze von GNOME und Ubuntu zusammenbringen kann, um ein rundes Ganzes zu erzeugen.« —derStandard.at-Test von Ubuntu 11.10 (S. 14)
Wenn man sich diese Tragödie anschaut, sieht man wieder ganz deutlich, warum ein offenes Entwicklungsmodell und Kollaboration und gemeinsames verständiges Entwickeln in der Welt von kleinen Unternehmen und offenen Systemen ein MUSS ist.
Trotzdem glaube ich, hat Canonical in Anbetracht ihrer Situation das Richtige getan – zum Einen, weil ihre Patches für neue Konzepte wie Indikatoren nicht Upstream gingen, und das ist de facto ein Problem für sie, zum anderen, weil ihre Ideen teilweise doch wirklich etwas taugen. Sie müssen natürlich noch (sehr viel^^) geschliffen werden, aber sind auf dem besten Wege zu einem tollen Nutzungserlebnis für den nicht professionellen Heimanwender – für die Massen. Maximierte Anwendungen sind z.B. sehr nett umgesetzt. Das Potential ist da. Canonical wird die Verzahnung von Compiz und Desktop irgendwie hinbekommen, aber es wird keine Integration sein und es wird sie noch sehr viel Ressourcen kosten. Ihr Problem ist heute ihr historisches Setzen auf GNOME und dessen Ökosystem (was damals jedoch zweifelsfrei die vernünftigere Wahl war), wenn man den Alleinstellungsdrang sowieso nicht als Problem betrachten will.
4 – Canonical, der Schurke
Ich muss an dieser Stelle meiner Enttäuschung über Ubuntu in den letzten Versionen Luft machen. Ich war Nutzer seit 5.04 Hoary Hedgehog, davor Fedora, Debian und SuSE. Bei Ubuntu habe ich meine Heimat gefunden, eine Distribution, die sich von Release zu Release für mich als Nutzer verbesserte, einfach *funktionierte*, schön schlank kam, auf dass ich meine persönlichen Anpassungen auf sie schmeißen konnte, und mit einfachen Systemtools punktete.
Mit 11.04 Natty Narwhal änderte sich das. Der neue Standarddesktop wurde Unity, und ich hätte in 11.04 noch GNOME 2 Shell trotzdem als meinen Desktop starten können, wäre das vollkommen verhunzte System nicht gewesen. Angefangen von GRUB, der falsch installierte und nun auch keine Installationsoption mehr bot, über den Kernel, der ohne ACPI-Deaktivierung nicht mehr bootete, was in einem permanenten Stromverbrauch des Hexacore-Rechners von über 150 W und hochlaufendem Lüfter resultierte, bis zu widerspenstigen Compiz-Paketen und einer Reihe von Anwendungen, die plötzlich sehr seltsames Verhalten zeigten. Und Ubuntu 11.10 soll ja noch viel kaputter geworden sein.
Der Selbstgeltungszwang und die entschiedene Abgrenzung mit der Marke ›Ubuntu‹ vom restlichen Linux-Distributionsgeschenen von Canonical wird immer schlimmer, und es immer schwerer, die Sonderwege, die Ubuntu geht, in einer Installation loszuwerden.
Die Anstrengungen in das ›Software-Center‹, die angestrebte ›Appifizierung‹ (wie ich ›App‹ für Desktop-Anwendung hasse!) und die enge ›heile Welt‹, in die einen Canonical mit seinem Ökosystem-Korsett zu führen versucht, machen nur umso deutlicher, was schon lange offensichtlich durch das selbstherrliche Auftreten des Unternehmens ist: Sie möchten das ›Apple der Linux-Welt‹ sein. Nebenbei wird Basis-Software wie GIMP und Synaptic aus der Distribution entfernt, ich meine, SYNAPTIC!! Eine Distribution, die den grafischen hochfunktionalen und essentiellen Paketmanager aus der Standardinstallation mit einem App Store ersetzt, ist nicht mehr die meine!
Das Übrige tun die von Canonical gewünschten Copyright Assignment zu Kernprojekten wie dem Sotware-Center (Code-Einreicher geben Canonical unbegrenztes Lizenzierungsrecht über ihren eingereichten Code, dieses kann ihn dann später auch proprietär machen; laut Mark Shuttleworth, um dadurch den ›Wettbewerb‹ mit anderen Projekten zu erhöhen und besseren Code abzuliefern, so argumentiert er, ernsthaft!). Das Unternehmen wird mir unsympathisch bis ins Mark (höhö!). Es lohnt sich, in die Chroniken eines GNOME-Entwicklers über die Zusammenarbeit mit Canonical hineinzulesen.
Das alles war für mich Grund, meine Langzeitbeziehung zu Ubuntu zu beenden und auf Linux Mint Debian Edition/Debian Testing zu wechseln, und langfristig auf KDE 4. Ubuntu 11.04+ bringt mich in die Situation, Linux-Einstiegswilligen keine Empfehlung mehr reinen Herzens für eine Distribution aussprechen zu können. Ubuntu hat meistens funktioniert. Mandriva und Mageia, die vielleicht am ehesten vergleichbaren Distributionen, sind mir zu exotisch, beziehungsweise unpopulär, openSUSE ist leider für den Einsteiger wie den willigen Amateur nach meiner Meinung eine Konfigurations-Katastrophe.
5 – Flucht!
Wie bereits ausgeführt, bin ich ehrlich angetan von GNOMEs neuem Nutzungsparadigma, aber es ist nichts für mich, weil ich mit etwas mehr technischem Verständnis als der Normalnutzer weiß, wie ich schneller ans Ziel komme als über die neuen chicen Nutzungswege, die GNOME 3 einführt. Sie vereinfachen vieles bisher Versteckte und Komplizierte und machen es einfacher zu lernen, aber ich bin nun mal versierter und schon ganz andere (multiple) Möglichkeiten gewohnt als die, die das neue GNOME mir nun noch anbietet. Es ist tatsächlich intuitiver; uns fällt das wahrscheinlich nicht auf, weil wir schon so ›versaut‹ von der Technik-abstammenden Bedienung sind. Ich werde damit langsamer, aber ich bin mir sicher, ein Großteil der Nutzer wird damit schneller.
Als GNOME 3-Abtrünniger hat man überschaubare Optionen, sofern man bei einer großen integrierten Desktop-Umgebung bleiben möchte, weil man den gebotenen Komfort schätzt: Festhalten an GNOME 2 beziehungsweise dem Fork ›MATE‹, Wechsel auf Xfce, oder Migration auf KDE SC 4. Ich sage bewusst Migration, weil KDE eine ›andere Welt‹ ist mit seinen Qt-Anwendungen und eigenem Bibliotheken-Fundus als GNOME und Xfce mit GTK+.
Ja, die Arbeit der Xfce-Entwickler wird in der Presse nicht gewürdigt. Die Desktop-Umgebung liefert ein schön integriertes Anwendungsarsenal und bietet fortgeschrittene Features, die sich teils mehr als mit GNOME messen lassen können (teil aber auch gar nicht). Insgesamt steht Xfce für Reduktion von UI-Firlefanz und Addition von Pro-User-wesentlicher Funktionalität. Der gewisse ›Firlefanz‹ hat mir in Xfce immer gefehlt, aber es ist eine sehr solide Oberfläche.
Nicht wenige wählten die Alternative nach ihrer Enttäuschung über Unity oder persönlichen Inkompatibilität mit GNOME 3 als ihr Refugium. Das ist keinesfalls verwerflich, doch jeder sollte sich klar machen: Xfce steht für die Stagnation von UI-Evolution. Klassisch und konservativ. Wer sich dafür entscheidet, steigt mit gewisser Endgültigkeit aus der *sinnvollen* Diskussion sowie Fortevolution der Desktop-Metaphern aus.
Das Selbe ist übrigens der Fall bei allen, die den GNOME 2-Fork MATE aufgesprungen sind. Bei diesem ist obendrein höchst ungewiss, wie lange das Projekt überhaupt mit dem Mega-Unterfangen durchhält. Ähnliches Problem wie beim KDE 3-Fork Trinity.
Immer ernsthafter in Erwägung sollte auch das Bleiben bei GNOME mit GNOME 3 gezogen werden, das durch das von Woche zu Woche breiter werdende Angebot an GNOME 3-Anpassungsscripten zusehends attraktiver wird. Die Ubuntu zur Basis nehmende Distribution (also Achtung!) Linux Mint 12 will z.B. mit Mint GNOME Shell Extensions ›MGSE‹ (siehe Bild) das Nutzungsparadigma von GNOME 2 mit seiner klassischen Datei-orientierten Fensterliste und Anwendungsmenüs für GNOME 3-Anwender retten – und dennoch GNOME 3 Shell laufen lassen. Ein Ansatz, den ich für am vielversprechendsten halte.
6 – KDE
Ich habe vor, noch 2011 endgültig auf KDE 4 Plasma zu wechseln, weil die eingeschlagene Richtung der GNOME 3 Shell mich zu sehr in meiner Arbeitsweise einschränkt und ich mit KDE Plasma schon länger liebäugele. Diesen Juli veröffentlichte das KDE-Projekt Version 4.7 von KDE Software Compilation (SC) und ich habe dem Termin ziemlich entgegengefiebert.
Ich möchte jeden ermutigen, die Desktop-Umgebung auszuprobieren, es macht wirklich sehr viel Spaß. Wie ich schon Dezember 2008 auf Twitter schrieb, kombiniert KDE 4 die grafische Eleganz von Apples Aqua mit der Konfigurierbarkeit und dem Funktionsreichtum von KDE 3 – eine mächtige Mischung, deren gesundes Verhältnis zu erforschen eben auch nicht ohne Experimente gelingen kann. Wer bisher nur KDE 3 kennt, wird sehr überrascht sein, wie das Projekt das Benutzerparadigma weiterentwickelt hat.
Hochinteressant ist das Streben nach der der Nutzbarmachung von sogenannten ›Aktivitäten‹, eine logische Weiterentwickelung von mehreren virtuellen Arbeitsoberflächen. Die Oberfläche soll sich kontextorientiert an die Aufgabe anpassen, also entsprechende Widgets anzeigen, Programmgruppen starten, oder in angepassten Programmen nur bestimmte Funktionen oder Inhalte anbieten. Das hört sich äußerst abstrakt an, man kann sich aber einen Nutzen ganz leicht schon vorstellen, wenn man nur einmal an die unterschiedlichen Nutzungsszenarien von Arbeit/Freizeit denkt. Aktivitäten-Fähigkeiten halten in immer mehr Komponenten des Desktops Einzug und der zukünftige Nutzen für mobile und Ultramobil-Geräte wie Tablets und Smartphones lässt sich schon erahnen.
Von dem persönlichen Umstiegs-Schritt hält mich bisher noch KWins Trägheit auf meiner Hardware und mangelnde Eleganz in Details als alter Compiz-Poweruser, und Dolphins oftmals etwas unlogisches Verhalten ab (abgesehen von dem weiterhin Vermissen von aktuellen Paketen für Debian Unstable *seufz*). Überhaupt sind die meisten KDE-Programme eigentlich extrem cool, doch an der Alltagsbenutzbarkeit scheitert es zu oft an kleinen nervigen Details. Aber das wird; hoffe ich zumindest. Wenn man keinen Code einreicht, ist es immer schwierig mit den Feature Requests bei diesen Bug-geplagten Großprojekten. Die Arbeiten an KDE SC 4.8 sehen auch schon sehr vielversprechend aus.
Beispiel Dateimanager Dolphin 2.0 im kommenden KDE SC 4.8: Sehr verheißungsvoll, sehr lecker.
7 – Der Wert einer schönen Software-Architektur
KDE 4.0 Developer Preview war die Grundsteinlegung für eine gänzlich neu gedachte Anwendungsplattform. Ich halte das KDE-Prinzip für die durchdachtere Lösung, für langfristig besser angelegt, und es wird sich mit der Zeit sicher noch auszahlen. Ein Wort: Frameworks. Alles wurde abstrahiert, alles wurde dynamisch austauschbar und portierbar gemacht. Eine ausgezeichnete Einführung in die Software-Architektur von KDE SC 4 bekommt man in der Release Event Keynote von 4.0 bei Google.
Zwei der ganz großen Frameworks sind Phonon und Solid. Phonon als Multimedia-API, Solid als Schnittstelle für die Erkennung von Hardwarekomponenten. Beispielsweise hat es zwar *hust* Jahre gedauert, bis nun auch in KDE GStreamer als Backend für Phonon richtig eingezogen ist (wie bei GNOME, das früh komplett und exklusiv ohne Abstraktion darauf setzte), aber das Meta-Modell – an dieser Stelle mit Phonon und den austauschbaren Sound-Backends – bot per Design größtmögliche Wahl, Freiheit und Potentialentwicklingschancen; hätte über die Jahre auch verhältnismäßig leicht auf neue Entwicklungen reagieren können. Dass vieles bei KDE SC so lange brauchte, ist wahrscheinlich der Zahl der Entwickler und der ›selbstverschuldeten‹ zu erst notwendigen Schaffung und Stabilisierung von Meta-Frameworks geschuldet.
Jetzt, da KDE mit Plasma Active auf Tablets und Smartphones expandieren will, zahlt sich die Entwicklungsarbeit in Solid aus, da nun Dinge wie Multicore-Erkennung nicht für eine andere ganz eigen-spezifische Hardware-Plattform in dutzende Anwendungen händisch eingepflegt werden muss, sondern ein zentrales Framework die Informationen aggregiert und verteilt. Gerade bei Plasma Active wird deutlich, wie massiv skalierbar KDE 4 angelegt ist: Die verschiedenen Plasma Workspaces als dezidierte Oberflächen für verschiedene Geräte-Klassen basieren alle auf dem selben Widget-, bzw. ›Plasmoid‹-Arsenal und den selben Technologien, die hochabstrahiert neuangeordnet und neuintegriert neue Einsatzzwecke ermöglichen. Die Plattform war per Design darauf ausgelegt, über Geräte-Klassen hinweg eingesetzt werden zu können.
Damit ist man dann vielleicht auch bei dem Kritikpunkt an KDE, der vor allem von GNOME-Anwendern vorgebracht wird: Es wird eine eindeutige Vision für ein Oberflächenmodell vermisst. Alles ist Baustein, doch der Kathedralen-Architekt ist nicht so richtig anwesend. Wo die Visionäre des GNOME-Lagers Human Interface Guidelines schreiben und UI-Skizzen auf dem Flip-Chart Board machen, sind die Visionäre im KDE-Projekt passionierte Technik-Designer. Sie würden sich eigentlich bestens ergänzen. (Wer den Hinweis mit der Kathedrale verstanden hat, ist gut; es ist richtig: Wir wollen doch mit freier Software eine Kathedrale bauen, die in ihrer Größe den Vergleich nicht mit den proprietären Domen zu scheuen braucht; der Basar braucht einen Baumeister!)
Leider begeisterte auch mich in der Vergangenheit das Entwicklungsmodell der KDE-Plattform mehr, als das wirkliche Nutzen. Plasmoid-Zeug, das alles irgendwie spinnt, instabil ist, plötzliches Verschwinden von Kontrollleisten und fitzelige Details in Plasmoid-Oberflächen und systemauslastende Hintergrunddienste sind nur einige der nicht richtig schönen Eigenarten des Desktops, an denen ich aneckte. Doch es wird besser, rapide.
8 – Von Integriertheit und Harmonie
Compiz war damals revolutionär, und der erste wirkliche Effekte-WM (obwohl schon KDE 3 anno dazumal (2004?) einige hochexperimentelle Compositing-Effekte bot) und sollte – wie seine Entwickler selber betonten – die Spielwiese für neue Konzepte sein, die dann in die nativen Fenstermanager der Desktops integriert werden sollten. Alleine das ist sinnvoll für den Standardnutzer. Compiz ist einfach ein Monster für sich und so hübsch es auch ist, gehört dieses Experimentierolymp in keine Normalnutzer-Standardinstallation.
GNOME 3 hat mit dem Fenstermanager ›Mutter‹ die Chance vertan, ein ordentliches Animations- und Erweiterungsframework zu schaffen – das Ding ist statisch wie der Microsoft Windows Desktop Window Manager. (Ja, es geht offenbar irgendwie, die Fokus-Effekt-Erweiterung sieht für mich aber wie eine ›Injection‹ oder Hack aus, nicht wie der Gebrauch einer dafür ausgelegten Schnittstelle.) Immerhin sind Pläne im Gespräch, das Animationsframework Clutter direkt in Mutter und GTK+ zu integrieren, und nicht nur als Abhängigkeit einzubinden. Dies würde eine völlig neue Art von GNOME-Anwendungen ermöglichen, die starken Gebrauch von Mac-artigen Effekten machen, und diese mit Wissen über die Desktop-Geometrie verknüpfen (ähnliches ist bei KWin auch im Gange).
KDE SC macht es dagegen richtig: Perfektes Zusammenspiel von Desktop Plasma und Fenstermanager KWin – von Beginn an so konzipiert, natürlich modular. Man spürt, wie alles schön durchdacht ist und ineinander übergreift, wie Plasmoid-Anwendungswidgets Gebrauch von KWin machen; die KWin-Einstellungen im KDE SC-Kontrollzentrum sitzen und perfekt mit der Konfiguration und dem Verhalten der Arbeitsoberfläche zusammenspielen; es fühlt sich alles wie aus einem Guss an. Das mag ich, und KDE – darum teilweise auch meine Euphorie – überträgt Systemparadigmen von Mac OS X hierbei auf den freien Linux-Desktop, wie man es in dieser Integriertheit und Innen-System-Harmonie dort bisher noch nicht sah.
Die Arbeit ist großartig! Die besprochene Integriertheit zieht sich bei KDE SC durch alle Bereiche: Die Benachrichtigungen können im Kontrollzentrum feingranular für jede Anwendung und Funktion aktiviert oder deaktiviert werden, gleich verfährt man mit einem zentralen Kontrollpult bei der Einrichtung von Tastenkombinationen für alle KDE-Anwendungen – es ist ein Traum!
GNOME 3 versucht mit seinem neuen Systemeinstellungen mit KDE SC 4 gleichzuziehen, hat aber noch verdammt viel nachzuholen. Traditionell wurde bei GNOME alles auf seiner Insel entwickelt, und später Upstream gebracht. Bei GNOME 3 hatten die Entwickler sich die Herausforderung gestellt, verschiedene Systemtools unter einer wirklich-wirklich konsistenten Konfigurationsoberfläche zu vereinen.
9 – Plattform vs. Ökosystem
Mit GNOME 3 ist ein verstärkter Trend vom Insel-Upstream-Zusammenarbeiten hin zum Komponentenmodell erkennbar. Die nun tiefer verzahnten Systemelemente formen gemeinsam den Desktop. Tatsächlich aber verhält es sich so, dass GNOME, ähnlich Apple im Vorgehen, ein eigenes Ökosystem schafft, während KDE SC eine Plattform darstellt, in die man Komponenten hineinstecken kann, und welche diese dann in einem dynamischen Prozess integriert.
Das habe ich schon an KDEs Herangehensweise an das Thema Multimedia-Backends illustriert: Man erstellt ein Meta-Framework, in die sich diese, oder eine jene andere Entwicklung backend-en lässt. Man ist hochflexibel, man ist auf der Geschwindigkeit der Strömung der Linux-Technologie, zumindest in der Theorie — und man ermöglicht mehr evolutionäre Auslese und den Nutzern mehr Freiheit.
Unterstrichen werden kann meine Meinung mit GNOMEs öffentlichen Überlegungen, zukünftig GTK+ und GNOME nur mehr für Linux und keine anderen UNIXoide – und Windows, man denke an die Auswirkung auf GIMP – zu entwickeln. Das ist eindeutig Ökosystem-Strategie.
Dass Canonicals Unity-Prozess eine langausgelegte Ökosystemstrategie zur Marktdifferenzierung ist, brauche ich eigentlich gar nicht erst zu erwähnen. Interessanterweise scheinen sie mit all ihrer Absonderungsarbeit tatsächlich eine eigene Plattform zum Ziel zu haben – aber ganz im autoritären Stile Apples.
Ulkigerweise scheint dem Unternehmen selbst noch nicht klar ist, wie diese aussehen soll – zu beobachten an dem ständigen Wechsel von Toolkits; der Bestrebung für eine eigene Entwicklungsumgebung, aber jetzt schon mit veralteten Technologien usw. usf..
Das sind meine Beobachtungen. Hieraus ergibt sich für mich die Erkenntnis, dass die KDE SC-Plattform eher das darstellt, was ich unter Linux und freier Software verstehe. Und nutzen möchte.
10 – Feature Regressions
“Never touch a running system”? Doch! Warum? Weil wir Fortschritt wollen und Fortschritt bedeutet auch Bruch mit Altem. Man muss aber fairerweise unterscheiden: Zum einen die evolutionäre und revolutionäre Weiterentwicklung von Software, die Brüche in Paradigmen, Funktionalität, Kompatibilität nötig macht, will sie Fortschritt erreichen, und will sie sich sanieren. Zum anderen ›das Recht des Nutzers‹ auf allgemeine Funktionsfähigkeit. Sind Entscheidungen von Großprojekten mit großer Nutzerbasis, ›alles neu zu schreiben‹, tragbar? Ist es richtig, den Nutzer, selbst wenn nur vorrübergehend, mit starken Feature Regressions zu konfrontieren, sogar mit völlig neuen UI-Ansätzen, hat er sich doch über die Jahre an die Software gewöhnt und erwartet, dass sie nicht bricht? Es ist fast schon eine ethische Fragestellung, und sie ist bewusst provokant formuliert. Aus technischer und projektzentrierter Sicht fällt die Antwort nicht schwer: Das Übel nimmt man in Kauf für die Zukunft des Projektes, sei es eine Plattformaktualisierung, ein Schwenk auf eine elegantere Programmiersprache, die für das Projekt besser geeignet ist, oder die Neuorientierung für neue Interaktionsmodelle, oder alles zusammen. Das Problem wirkt sich insbesondere bei Projekten negativ aus, die sehr viel mehr technikbegeisterte Entwickler mit To-Boldly-Go-Innovationstrieb als Nutzbarkeitsinteressierte haben: Die Nutzer fühlen sich dann unverstanden. (Hier ein schieler Blick auf KDE SC 4.) Was dagegen getan werden kann: Kommunikation der Absichten. Kommunikation ist das Wichtigste.
11 – Philosophische Ergüsse
Das Wesen eines Linux-Geeks kennzeichnet sich mit dadurch, dass er hofft, dass alles besser *wird*. Wir sind ausdauernde Idealisten. (Ein Grund übrigens, weshalb ich an eine Piratenpartei mit einer Großzahl IT-Verständigen glaube.) Wir sind zäh und wir nehmen mitunter unsagbare Verluste in Bedienung und Funktionsumfang in Kauf, weil wir überzeugt auf ein großes Ziel hinleben, sei es ideologisch im Sinne der Freiheit, sei es durch den Gedanken an die neuen Horizonte, die sich durch Architekturumbauten werden anschiffen lassen. Weil wir daran glauben. Weil wir immer ein perfekteres Softwaredesign als Selbstzweck anstreben. Wir kämpfen nicht für uns, sondern dafür, dass das Ding besser wird. Das macht uns zu den Guten. Und das gibt uns die moralische Legitimation dafür, Dinge zu brechen.
So weit, so schön. Doch die Sache geht über ihren Selbstzweck hinaus in die größere Einheit ›Ziel‹. Denn IT-Projekte wären als reiner Selbstzweck – „Weil wir es können!“ – sinnlos. Ihr Selbstzweck liegt in ihrer Schönheit und fortwährender Evolution des Dinges. Und euch ist schon meine Verwendung des Begriffes ›Ding‹ aufgefallen: Genau das sind diese Projekte nämlich nur – sachliche Dinge. Nichts tut man sachlich ohne menschlichen Nutzen
– und dieser sind die Nutzer, aber natürlich auch der persönlich-menschliche Spieltrieb der Entwickler, welche diese ›Dinge‹ erst beleben. Kommen wir nun auf die Kommunikation zurück, die als Element zwischen Entwickler und Nutzer wichtig ist. Ein Ausloten zwischen Nutzerinteressen und denen des Dinges ist notwendig, und hier vertrete ich die Meinung, dass das Dinginteresse höher gestellt werden sollte: Darauf baut alles auf, was das Projekt als Ganzes ist. Die Nutzer können sich vor Brüchen sträuben, wie sie wollen – Blockierung der Umsetzung des Idealismus der Entwickler führt zum langsamen Tod des Projektes, nämlich metaphorisch gesprochen zur Hemmung der Fortevolution und damit zum Aussterben. Nur kann es sein, dass die Entwickler den rechten Evolutionspfad noch nicht kennen – unwahrscheinlich, aber möglich – und da liegen die Nutzer in der Verantwortung. In Verantwortung für das, was die reine, bessere Architektur des Dinges ist, nicht in Verantwortung dafür, sie an sich anzupassen.
C.L.U. 2 aus Tron: Legacy: Ein Programm, das in Idealismus geschrieben wurde, die Welt zu verbessern, dies aber zum Selbstzweck macht und nach vernichtender Perfektion strebt. Was ihm fehlt: Das Ziel für die Gemeinschaft.
12 – Wo es denn nun hingeht
Ich konnte hierfür Leszek, der mit seinem Podcast und vormals PDF-Magazin Techview seit Jahren eines meiner inspirierenden Vorbilder in Sachen Linux- und IT-News-Geek ist, zu einem Kommentar überreden =) :
»Ich glaube, eine große Vision gibt es in den Desktops nicht mehr. Alle scheinen sich in die Entwicklung Touch zu bewegen und gleichzeitig neue Infrastrukturen in Form von Bibliotheken bzw. API-Anbindungen für die Integration von Webapplikationen zu bieten. KDE beispielsweise setzt neben Solid jetzt auch richtig auf den E-Mail-/Kontakte-/Kalender-Austauschdienst Akonadi. GNOME 3 integriert ebenfalls mit ›Kontakte‹ und ›Dokumente‹ das Web in die Desktopoberfläche. Windows 8 soll ebenfalls eine Integration von verschiedenen Diensten bieten, dass sogar soweit geht, dass im Öffnen-/Speichern-Dialog Webressourcen wie GMail, Flickr usw. angezeigt werden. Ich denke, im Nachfolger von OS X Lion wird es ähnlich werden.
Augenscheinlich ist aber, dass Microsoft und die Linux-Desktops ihr Aussehen und ihr Bedienkonzept teilweise komplett ändern. Bei Mac OS X fehlt das noch. Ich könnte mir vorstellen, dass Launchpad (der ›iOS-Launcher‹ für den Desktop) bei der nächsten Version noch weiter ausgebaut werden wird und dann eventuell als Desktopersatz zum Standard erklärt wird.« Danke! (Einen Blick wert sind übrigens auch seine Linux-Distributionen ZevenOS und ZevenOS-Neptune!)
Faszinierend zu beobachten ist im Moment, dass sich drei der größten Arbeitsoberflächen in sehr ähnliche Richtungen entwickeln: GNOME 3, Canonicals Unity, Apples Mac OS X Aqua. Ein interessanter weiterführender Denkanstoß dazu bietet der Artikel Mac OS X Lion Features are Ubuntu Rip-Off.
Da kann ich gleich einhaken: Es gibt gute Gründe, warum ich nicht OS X als Haupt-OS nutze, obwohl ich einen Hackintosh besitze: Ich will die Oberfläche nicht auf Dauer nutzen müssen. Sie schränkt mich ein, sie ist hinderlich, verumständlicht Abläufe. Aqua ist ein zwar perfekt designtes, aber fitzeliges UI, das mich in seine akkuraten Bahnen zwingt. Die Linux-Desktops waren bisher selbst mit dem behütenden GNOME Gegenentwürfe zu dieser Mentalität, doch GNOME 3 und Unity reißen das Ruder ganz klar in Richtung Apple-Kopie. Ich habe Bedenken bei dieser Entwicklung. Mittlerweile kann ich es jedoch, so es um GNOME 3 geht, für mich relativieren, da immer mehr vorhandene Userscripte ein umfangreicheres Personalisieren ermöglichen.
Die Strömungen, die ich so erkenne, sind generell der Wunsch, Dateien zu Informationen zu machen und als Information behandelnd zu kategorisieren. GNOME 3 und indirekt Unity haben mit Zeitgeist und dem Activity Journal aufregende Forschungsfelder aufgetan und dabei Pionierarbeit geleistet. Was habe ich gestern für Dokumente bearbeitet, welche Videos habe ich gesehen, was ist meine meistgespielte Musik des Monats? Welche Programme habe ich wofür wann verwendet, wo habe ich gespeichert? Solche Fragen können die GNOME-Unterprojekte beantworten und stellen dabei Schnittstellen für alle Destop-Anwendungen zur Verfügung, womit diese Zugriff auf Datenbanken mit großen Wissen über die Nutzergewohnheiten erlangen, was zu einer noch nie gekannten ›Service-Intelligenz‹ der Computeroberfläche führen kann. Bild: Activity-Journal-Prototyp. Soll letztlich direkt in die ›Aktivitäten‹-Shell-Oberfläche mit reicher Such-Grammatik integriert werden.
Erfreulich hier, dass auch KDE an der Integration von Zeitgeist arbeitet. Umso erfreulicher, dass KDE im Rahmen seines Nepomuk-Projekts, das sogar von der EU mit Millionen Euro mitfinanziert wurde, an einem – Framework – wie sollte es anders sein – zur Sammlung und Vernetzung von verschiedendsten Metadaten über Dateien arbeitet. Das Ergebnis eines so von den Anwendungen automatisch getätigten Durchbeschriften mit Schlagwörtern und technischen Informationen und der vom Anwender selbst mitgeteilten persönlichen Bedeutung für ihn im Sinne einer Qualität, bahnt ebenfalls die Straße zu einer neuen Generation von Anwendungen: Die, welche von einer zentralen Datenbank gefüttert, Ontologie-basiert, erstmals wissen, *was auf dem Computer IST*, und welche Beziehung es zum Nutzer hat. Klassische Index-Suchen werden nebenbei auch immer besser, und sind wie bei KDE SC 4 schon tief in der Standardkompilation integriert. Es wäre jedoch wünschenswert, dass die KDE-Entwickler es cooler finden würden, mehr Frontend-Bewegung erkennen zu lassen, als über die ungeahnten Möglichkeiten ihrer Technologie zu philosophieren, sonst bleibt der semantische Desktop auf KDE leider weiterhin ein Buzzword.
Wie schon herausgekommen sein müsste, habe ich ein Faible für Schönheit in Konzept-Architektur. So bin ich auch ein großer Fan von BeOS und Haiku, die ihrerseits durch ein extrem modulares, dynamisches Konzept bestechen. Das 2000 wegen Microsoft’schen Kartellverstößen aufgegebene Betriebssystem BeOS (und dessen Open Source-Nachbildung Haiku) führte das Be File System BFS ein, das noch nach heutigen Maßstäben eine Revolution darstellt: Metadaten und Programm-Assoziationen zu Dateien werden in eine im Dateisystem integrierte Datenbank geschrieben. Dies hat weitreichende Konsequenzen für alle Anwendungen auf dem System, die sich viel Code sparen, und obendrein untereinander interoperabler werden. Auch die Dateisuche findet direkt über die Dateisystem-Datenbank ohne zusätzlichen Indizierungsdienst statt, ist also ressourcensparend und extrem flink.
Das habe ich an den neuen Ideen des Linux-Desktops zu kritisieren: Sie können schnell in ›Bloatware‹ ausarten. Zeitgeist, Nepomuk, Strigi, Tracker, Akonadi und wie sie alle heißen, sind zusätzliche Dienste, die eine weitere Abstraktionsschicht auf das Dateisystem legen. Microsoft hatte Großes bei Windows Codename: Longhorn vor mit WinFS, das in eine ähnliche Richtung ging, ist aber bei der Entwicklung wegen der hoffnungslosen Aufblähung und Verkomplexierung gescheitert. Warum setzen sich die Desktop-Entwickler nicht mal mit den Kernel-Entwicklern zusammen, und sprechen über Metadaten auf Dateisystemebene? Warum lässt man die Chance bei dem gerade heranreifenden Next-Gen-Dateisystem Btrfs verstreichen, wirkliche tiefgreifende Innovation für den Desktop zu ermöglichen?
13 – Neue Geräteklassen und die Konvergenz
Einer der sich für nächstes Jahr abzeichnenden Computing-Trends sind Ultrabooks. Ultrabook – Intels Spezifikation für extrem flache Notebooks im Stile des MacBook Air. Der Chip-Hersteller hat für dieses neue Segment sein umfassendstes Kommunikationsprogramm seit Jahren angekündigt, da wird bald richtig was geh’n. Ultrabooks sind dünn, und sie sind aus ganzen Blöcken gefräst: Neben Aluminium soll zur Produktionsteigerung auch Glasfaser als Gehäuse verwendet werden. Und sie sind dünn. Klingelt da etwas? Die nächste Tablet-Generation wird auch dünn, mit 8 mm und fallend sind Geräte angekündigt. Es ist jetzt möglich, leistungsfähige Hardware ungeahnt kompakt zu packen, sogar mit starkem Akku, ordentlichen Lautsprechern, FullHD-Kamera und natürlich mit Multitouchscreen. Ich sehe die Entwicklung klar dahin gehen, dass Tablets mit Docking-Stationen zu ultramobilen Laptops werden – eine Konvergenz der Geräteklassen. Intel setzt Energie in einen vollen Android-Port für x86, auf der anderen Seite wird Windows 8 auch für die ARM-Architektur erscheinen. Ich stelle mir Geräte vor, die Tablet sind, die aber durch Einstecken in ein Tastatur-Dock mehr Anschlüsse bereitstellen, mehr Speicher, vielleicht mehr Rechenleistung. Mir kommt der Sabber bei dieser Vorstellung. Das ist die Art von mobilem Gerät, die ich möchte, endlich!
ASUS Eee Pad Transformer Prime: Nvidia Tegra 3-Tablet mit Android 4 und Tastatur-Dock mit Zusatzakku, siehe Spezifikationen
Stellt sich die Frage nach der konkreten Benutzeroberfläche solcher Geräte. Habe ich ein Tablet in der Hand, will ich mit geschwinden Touch-Gesten meinen Startbildschirm bedienen und Apps – wirklich Apps, vereinfachte und Touch-optimierte Varianten von Desktop-Anwendungen nutzen, um rasch an (meinst konsumierbare) Ergebnisse zu kommen. Sitze ich vor einem Notebook, möchte ich mein System bequem per Tastatur und Trackpad steuern, nicht unbedingt meine Arme heben, und auch eher nicht meinen Bildschirm verschmieren. Zudem ist meine Notebook-Steuermöglichkeit viel exakter als die per Touch und ich habe den Anspruch, mit Dateien und Werkzeugleisten umzugehen; meine Eingabekompetenz ist ›fitzelig-tauglich‹. Wie bringt man die zwei Welten zusammen?
Spannend, was sich mal wieder bei Apple tut: Im diesem Sommer erschienen Mac OS X 10.7 Lion hielten bereits eine Reihe feiner iOS-Essenzen ihren Einzug. Auffälligste das ›natürliche Scrollen‹ – Scrollen vom Inhalt, nicht Bewegen einer Scrolleiste mit dem Mausrad oder dem Trackpad. Dazu das von Leszek angesprochene Launchpad als iOS-artiger Anwendungsstarter, sowie systemweite Multitouch-Gesten auf dem Trackpad. Dass Apple in der Zukunft recompilierte iOS-Apps aus seinem unermesslichen Fundus an iPad-Software für Macs mit Multitouch-Screen und vielleicht entkoppelbarer Tastatur anbieten wird, liegt nahe wie noch was.
Microsofts Hoffnungsträger Windows 8 bezaubert den Nutzer auf allen PCs ab nächsten Sommer mit der neuen kubistischen Tablet-Oberfläche Metro als Standarddesktop, der nur mit dem klassischen Fenster-Desktop gewechselt werden soll, wenn es eine ›Legacy‹-Anwendung nötig macht – schließlich ist in Zukunft ja alles ganz toll Touch-optimiert und in HTML5 und JavaScript geschrieben. Also, alles, ja. [...] Den alten Desktop wird es dabei nur noch auf x86(_64) geben, reine Windows-Tablets mit ARM-Prozessor werden nur mit Metro kommen. Microsoft bleibt uns noch einen Entwicklerfaden für ernsthafte Anwendungen in ›Metro-style‹, wie sie es so gerne nennen, schuldig. Nichtsdestotrotz lässt sich die selbe Absicht in der Verschmelzung wie bei Mac OS X erkennen, wenn auch aus der entgegengesetzten Position, dass Microsoft noch keinen App-Fundus hat, sondern sie erst mit Windows etablieren will.
Um endlich auf Linux zu kommen: GNOME 3 ist durch und durch geschaffen für Geräte, die beides sein möchten, GNOME 3 IST die Konvergenz, ist die Synthese! Es mag den Desktop-Nutzer gerade an manchen Stellen schmerzen, aber das ist die Richtung, und GNOME 3 und die GNOME 3 Shell tritt bestens aufgestellt in in diese neue Gerätewelt, von der ich glaube, dass sie die generelle Zukunft von Mobilcomputern ist.
KDE hat Plasma Active als neue Voll-Touch-Umgebung, zwischen der und dem Standard-Plasma man während der Sitzung wird wechseln können, ohne die laufenden Anwendungen zu beenden, sie sogar wird mitnehmen. Der verheißungsvolle Wechsel auf Qt QML macht wie bei Android verschiedene Nutzeroberflächen eines Programms für verschiedene Auflösungen, oder auch Umgebungs-Anforderungen möglich. Der E-Mail-Client wird also auf Plasma Active ein anderes Layout zeigen als auf Plasma, und doch ist es die selbe Anwendung. Auch eine kluge Herangehensweise mit dem Vorteil, den Power-Nutzer nicht einzuschränken. – Und es wird an der Umsetzung dieser Vision gearbeitet, viele KDE-Entwickler beschäftigen sich bereits mit dem Freundlichmachen ihrer Anwendungen für Touch-Geräte.
Meinen vollen Enthusiasmus in Sachen Linux auf ›Tabbooks‹/›Lapdocks‹/›WebTops‹ schmälert zur Zeit noch, dass X.org noch immer eine Multitouch-API fehlt; sie wird von Version zu Version aufgeschoben. Das könnte noch ein düsteres Erwachen geben. Multitouch ist zwar möglich, man muss bisher aber die Eingabegeräte direkt am Treiber ansprechen und dafür erst kennen, um sie dann in ein von X separates Framework zu mappen, welches überhaupt erst allgemeine Muster und damit Gesten erkennt. Canonical tätigte zumindest dabei einen löblichen Vorstoß mit uTouch, das seit Ubuntu 10.10 mitinstalliert wird, leider aber auch auf anderen Distributionen erst einen speziell ›Hack‹-gepatchten X.org erfordert.
Ja, danach sieht’s aus.
14 – Finale
Der Paradigmenumbruch findet statt. Es herrscht Aufbruchsstimmung. Die traditionelle Desktop-Metapher weicht nach Jahren etwas Neuem; was es ist, wird immer greifbarer. Es ist sehr erfreulich, dass man den Umbruch in der Industrie weitsichtig vorausgespürt hat und jetzt besser aufgestellt ist als die proprietäre Konkurrenz.
Ich rate zum Experimentieren. Dabei auf die Nachhaltigkeit der eigenen Plattform-Entscheidung zu achten.
Das Schöne ist: Wir haben die Wahl auf Linux.
Es sind aufregende Zeiten.
15 – Auswahl weiterführender Artikel
Im Folgenden noch eine Auswahl einiger lesenswerter Artikel der letzten Monate, die es ermöglichen, sich selbst ein breites Urteil zu bilden. Damit schneller ersichtlich ist, wohin eine Empfehlung führt, habe ich die Links sichtbar geschrieben.
Unity
- Unity – Der Anfang vom Ende für Ubuntu?
http://kofler.info/blog/154/1/Unity—-Der-Anfang-vom-Ende-fuer-Ubuntu/ - What’s really going on with Ubuntu Unity (2010)
http://blogs.computerworld.com/17234/whats_really_going_on_with_ubuntu_unity - Ubuntu 11.10 ohne Unity3D? — Unity 2D in Qt
http://www.glasen-hardt.de/?p=1225 - Schwingende Fenster: Neue Optik für Linux & Co. (2005, historisch!)
http://www.golem.de/0504/37579-2.html - Compiz is getting rapidly sick of Gnome – erkennbare Vorüberlegungen zu Unity, wenn auch nicht von Canonical (2009)
http://www.stefanoforenza.com/compiz-is-getting-rapidly-sick-of-gnome/ - Warum Unity gut für den freien Desktop ist
http://fernmannblog.wordpress.com/2011/04/28/warum-unity-gut-fur-den-freien-desktop-ist/ - Mac OS X Lion Features Are Ubuntu Rip-Off
http://www.muktware.com/blog/45/290/23/2010/396?page=0,0 - Distrowatch: Ubuntu erstmals mit deutlichem Popularitätsverlust
http://derstandard.at/1308679567656/Distrowatch-Ubuntu-erstmals-mit-deutlichem-Popularitaetsverlust - »finde konsole nicht ubuntu 11.04«
http://kenntwas.de/2011/linux/ubuntu/finde-konsole-nicht-ubuntu-11-04/ - Hälfte der Menschheit bald zu blöd für Ubuntu (April 2011)
http://www.naturalnik.de/wordpress/2011/04/halfte-der-menschheit-bald-zu-blod-fur-ubuntu/
Besonders schön: »8 Tester haben es nicht geschafft, ein Icon zum Launcher hinzuzufügen. Warum weiß keiner so genau, das Ding hat sich halt gewehrt. 9 von 11 Testern haben es geschafft, ein Fenster zu schließen. Das klingt jetzt toll, aber die anderen 9 haben sich nur von plötzlich auftauchenden Bugs oder verschwindenden Buttons nicht so sehr ablenken lassen wie die restlichen zwei.« - User Testing of Unity Reveals Surprising Results
http://www.omgubuntu.co.uk/2011/11/user-testing-of-unity-reveals-some-surprising-results/
»Interestingly, the number of users who could tell how many apps were running was higher in 2010.« – Vollkommen unbedenkliche Entwicklung, nicht wahr? - Ubuntu 11.10 veröffentlicht – und gleich im Test
http://derstandard.at/1317019445461/Oneiric-Ocelot-Ubuntu-1110-veroeffentlicht—und-gleich-im-Test
»Hier entsteht dann etwas der Eindruck, dass man bei Canonical nicht so recht weiß, wie man die zunehmend divergierenden Ansätze von GNOME und Ubuntu zusammenbringen kann, um ein rundes Ganzes zu erzeugen.« (S. 14) - Jobs der Zweite? (2010)
http://be-jo.net/2010/03/jobs-der-zweite/ - Ubuntu should zig to Apple’s zag
http://bytebaker.com/2011/10/19/ubuntu-should-zig-to-apples-zag/
»The longer I see Ubuntu’s development the more it seems that they are shunning the Unix philosophy in the name of “user friendliness” and “zero configuration”. And they’re doing it wrong. I think that’s absolutely the wrong way to go.«
Canonicals Copyright Assignments
- Harmony Agreements
http://blog.tenstral.net/2011/06/harmony-agreements.html - Shuttleworth: Firmen und freie Software
http://blog.tenstral.net/2011/05/shuttleworth-firmen-und-freie-software.html - Warum Copyright-Assignments schlecht sind… oder: Der Fall Canonical und die Community.
http://blog.tenstral.net/2011/05/warum-copyright-assignments-schlecht.html - Why I would not sign a Harmony Agreement
http://blog.martin-graesslin.com/blog/2011/07/why-i-would-not-sign-a-harmony-agreement/ - DS2011 – Panel on Copyright Assignment
http://blog.tenstral.net/2011/08/ds2011-panel-on-copyright-assignment.html - Open-Source-Kontroverse: Mark Shuttleworth hofft auf ›Großzügigkeit‹ der EntwicklerInnen
http://derstandard.at/1311802889905/Open-Source-Kontroverse-Mark-Shuttleworth-hofft-auf-Grosszuegigkeit-der-EntwicklerInnen - Wie es besser geht: Contributor License Agreements mit Offenheitsverpflichtung
http://www.golem.de/1109/86416.html
GNOME 3
- Eine Woche Gnome 3: Der uniformierte Desktop
http://www.knetfeder.de/linux/index.php?id=86 - Warum… Unity, Gnome und der Schlag ins Gesicht
http://oyox.de/archives/141-Warum…-Unity,-Gnome-und-der-Schlag-ins-Gesicht.html - Wird GNOME wieder zum Zwerg? – eine Generalkritik zur neuen Shell
http://www.knetfeder.de/linux/index.php?id=79 - Adieu, Desktop. Der langsame Abschied von der Arbeitsoberfläche?
http://www.knetfeder.de/linux/index.php?id=84 - Taskleiste, Panel, Dock & Co. oder: Der Vorteil der vergessenen Fensterlisten
http://www.knetfeder.de/linux/index.php?id=91 - Überlegungen zu GNOME 2 (Essay, 2002)
http://ometer.com/free-software-ui.html - On the relationship between Canonical and GNOME
http://bethesignal.org/blog/2011/03/12/relationship-between-canonical-gnome/ - Timeline: It’s 2009… and they have a plan
http://bethesignal.org/blog/2011/03/18/timeline-gnome-canonical-2009/ - Linus Torvalds nennt GNOME 3 ein ›großes Durcheinander‹
http://www.golem.de/1108/85472.html - A Fork Of GNOME 2: The Mate Desktop (August 2011)
http://www.phoronix.com/scan.php?page=news_item&px=OTgxMA - Auf dem Desktop zieht “Revolution statt Evolution” nicht – auch nicht bei Apple
http://campino2k.de/2011/08/18/auf-dem-desktop-zieht-revolution-statt-evolution-nicht-auch-nicht-bei-apple/
Mit höchst amüsantem Video eines genervten Lion-Nutzers! - GNOME-Designer Jon McCann about the future of GNOME3
http://derstandard.at/1313024283546/Interview-GNOME-Designer-Jon-McCann-about-the-future-of-GNOME3
GNOME-Entwickler ein bisschen größenwahnsinnig? Wollen spezielle Audio-, Foto-, Dokumente-, Video- und Mail-Anwendungen für GNOME 3 schreiben?!
»People will go off and do different things – and they certainly do have that right. But I still think if we value GNOME and we believe in GNOME we need to do the right thing by our own vision.«
»I’m not saying that all this people will be completely convinced and that’s unfortunate but I think over time people will realize what we are doing has been at least thought through.«
»I don’t think we are all that different in the end. There are a lot of things we have in common. Who doesn’t like to listen to music? Who doesn’t need to check email, who doesn’t need to chat with friends? Or lookup a map to know how to get to dinner, or even use the web, where most of the daily usage is nowadays. There is so much commonality. We do end up focusing on the differences more than we should.
You do see a lot of hackers using Mac OS X these days and I think that’s a little bit unfortunate and probably there are many reasons why they do that, but that’s not immediately what you might think of as a super hacker-focused OS.«
»Unfortunately on the internet – and in free software in particular – we have a lot of people whose voices aren’t heard very loudly, and we have to take their needs into accounts as well as those who are vocal.«
»As how we react to those latest criticisms: It’s very difficult cause not all of those necessarily agree with one another. In some sense people who are against something think they have something in common, but when you look at it in more detail – which of course we try to do – very few actually agree on much of anything other than that’s not what they are used to.« - “Anwender reagieren positiv auf GNOME 3″
http://www.golem.de/1105/83493.html - Linux Mint 12 Preview
http://blog.linuxmint.com/?p=1851
»We’ve been using application menus, window lists and other traditional desktop features for as far as I can remember. It looked different in KDE, Xfce, or even Windows and Mac OS, but it was similar. GNOME 3 is changing all that and is developing a better way for us to interact with our computer. From our point of view here at Linux Mint, we’re not sure they’re right, and we’re not sure they’re wrong either. What we’re sure of, is that if people aren’t given the choice they will be frustrated and our vision of an Operating System is that your computer should work for you and make you feel comfortable.« - Nachrichten aus dem Land der GNOME-Shell (Juli 2011, reich bebilderter Ausblick auf GNOME 3.2)
http://linuxundich.de/de/ubuntu/nachrichten-aus-dem-land-der-gnome-shell/ - GNOME 3.2 ist da: Ein saftiger Nachschlag für den Linux-Desktop
http://derstandard.at/1314652803662/WebStandard-Test-GNOME-32-ist-da-Ein-saftiger-Nachschlag-fuer-den-Linux-Desktop - GNOME Shell läuft künftig auch ohne Hardware-3D-Support
http://derstandard.at/1319181969534/Funktionstuechtig-GNOME-Shell-laeuft-kuenftig-auch-ohne-Hardware-3D-Support - GNOME 3 Shells Fenstermanager ›Mutter‹ ist offenbar doch erweiterbar – hoffen wir auf die wabbelnden Fenster!
http://www.webupd8.org/2011/10/gnome-shell-focus-effects-extension.html - GNOME3: Neue Designs zeigen weitere Zukunft des Desktop
http://derstandard.at/1319182584290/Ausblick-GNOME3-Neue-Designs-zeigen-weitere-Zukunft-des-Desktop
Original Blog: GNOME Design Update https://afaikblog.wordpress.com/2011/11/10/gnome-design-update/
KDE
- KDE 4.0 Release Event Keynote (2008)
https://www.youtube.com/watch?v=UneGtZlehTU - Video: Aaron Seigo von KDE – Desktop Summit 2011 – Kleiner Beinahe-Versprecher des Oberflächenchefs, ist aber auch kompliziert mit den ganzen Plasma-Komponenten

http://video.golem.de/oss/5475/aaron-seigo-von-kde-desktop-summit-2011.html - Chani’s KDE Screencasts: Activities in Action
https://blip.tv/chanis-kde-screencasts/activities-in-action-4629891 - Plasma Active will mit iOS und Android gleichziehen
http://www.golem.de/1108/85534.html - Zeitgeist coming to KDE
http://www.omgubuntu.co.uk/2010/11/zeitgeist-coming-to-kde/
und Golem: Zeitgeist-Integration in KDE http://www.golem.de/1106/84033.html - Interview: KDE-Initiator Matthias Ettrich, Nokia (2009)
http://www.linux-magazin.de/Online-Artikel/LIP-Lounge-KDE-Initiator-Matthias-Ettrich-Nokia
Hochinteressantes, aufschlussreiches Interview mit Matthias Ettrich, dem Gründer von KDE; über Featuritis sagt er:
»Die ersten KDE-Entwickler hatten einen klaren Fokus auf Endanwender. Dieser wurde später von der Entwicklergemeinschaft und den frühen Anwendern in Richtung Linuxexperten verschoben – erst langsam und schrittweise, dann immer schneller, und schließlich wurde es Teil des Projektes. Denn oft gilt, ›wer macht hat Recht.‹ Ziel war es jedoch nie, den Linux-Anwendern einen ultra-konfigurierbaren Desktop mit Tausenden von Optionen zu geben, um damit jeden noch so verquasteten Workflow zu unterstützen. Ziel war es vielmehr, Linux neue Anwenderschichten aus der Mitte der Gesellschaft zu erschließen. Im Grunde ist der Mac mit Mac OS X das geworden, was Linux mit KDE hätte sein können: Das bessere System.« - Trinity – Desktop ohne Zukunft
http://www.freiesmagazin.de/mobil/freiesMagazin-2011-09-bilder.html#11_09_trinity
Gemischtes
- Video: Why Linux Sucks Talk 2011 (“less than before”)
http://rockiger.com/de/blog/view/why-linux-sucks-talk-2011 - »Von den 2 Milliarden Windows-Nutzern sind vielleicht 200 Mio. Poweruser, die mehr machen, der Rest braucht eine einfache Oberfläche. Betonung liegt hier auf EINE Oberfläche.«
http://forum.golem.de/kommentare/applikationen/steven-sinofsky-windows-8-bekommt-einen-app-store/byebye-windows/54661,2773858,2773858,read.html#msg-2773858 - »I’ve solved the GNOME suspend/poweroff controversy:«
http://pic.twitter.com/gZqTEim - Uncyclopedia: GNOME
http://uncyclopedia.wikia.com/wiki/GNOME
Ein bisschen Humor
»Whereas KDE policy is „If you disKover some empty spaKe, add an useless feature or somethinK very very irritatinK. The iKon must be shiny, rotatinK, and Kontain at least one K.“, the GNOME policy is the opposite: „If you find a feature, it might confuse a user, so remove it.“«
Bildrechte:
GNOME Foundation, derStandard.at (Kätzchen), Canonical (Unity), be-jo.net (Apluntu), Xfce, KDE, Disney, ASUS
Thank you, Steve
6. Okt 2011
In memoriam des kreativsten und rücksichtslosesten Innovators des Jahrhunderts, und eines meiner größten Idole. Danke für Dein Wirken auf diesem Planeten. Du ermöglichtest mir ein digitales Leben von unermesslichen Möglichkeiten. Mach’s gut, Steve.
Mich verbindet mit Apple eine Hass-Liebe, einerseits die Geschäftspraktiken ablehnend, andererseits dem faszinierenden Reiz der Produkt-Philosophie erliegend. Seit ich das Geschehen in der IT verfolge, etwa ab 14, ist das Unternehmen bedeutsam für mich dafür, wie ich die digitale Welt erlebe.
Da die bekannten deutschen Geek-Podcast über Apple im Allgemeinen sehr vergnüglich zu hören waren und diesen Sog in ein ganz eigenes (Rückzugs-)Universum mit seinen eigenen Naturgesetzen aufbauten, es also immer etwas neues Spannendes zu entdecken gab – wenn man mit Offenheit daran geht und begeisterungsfähig für Computer ist – wurden die Podcasts zu meinem wöchentlichen Kulturprogramm. Was konnte ich darüber nicht alles miterleben. Was habe ich alles über die Wirtschaft gelernt. Themenfelder waren die Produkte, das Unternehmen, das erweiterte Ökosystem und immer irgendwie dabei und untrennbar die Person Steve Jobs.
Der Mann war Teil meines kulturellen Heranwachsens. Der Ganz-Kosmos seines Unternehmens das Substitut für die Erfahrung von Gruppenzugehörigkeit und -Dynamik in der Pubertät eines sozialverhinderten Geeks.
Wir haben es Jobs’ kompromisslosen Innovations-Geist zu verdanken, der die Branche vielfach, rücksichtslos auf eigene Altlasten, revolutionierte. Ohne seine anthropozentrische Vision der Datenverarbeitung für jedermann, seinen außergewöhnlich einmaligen Anspruch auf Perfektion und praktische Benutzbarkeit, wäre die gesamte digitale Revolution lange nicht dort, wo sie heute steht. Vielleicht hätte sich auch eine völlig andere Benutzbarkeits-Philosophie und ein anderer Anspruch durchgesetzt. Steve Jobs war ein rebellischer Visionär in einer Branche von Ingenieuren und Bilanzschubsern, dessen Ideale sich längst zum Kulturgut erhoben.
Ich danke Dir, Steve. Es ist schwer vorzustellen, dass wir von nun an nichts mehr von Dir hören werden. Dass es ohne Dich weitergehen soll.
Mach’s gut.
are the ones who do.
Kontemplation
29. Apr 2011
Es gibt Begegnungen, die uns verändern, uns einen Einschein geben in etwas Großes, etwas vorher Ungedachtes. Meist sind sie nicht von großer Dauer, und meist führt die Dauer unserer Erkenntnisbildung weit über die der Situation hinaus.
Eigenart dieser Begegnungen ist ihr seltenes Auftreten und anschließend die bedachtvolle Wehmut, die dankbar auf die Erfahrung blickt.
Es war Frühling, kurz vor Ostern, wohl 3. Klasse, Jahr 2001, ich war wohl 9. Schulschluss, Mittagszeit. Meine halbprivate Grundschule lag ein Stück weg, und so genoss ich den Fahrdienst meiner Mutter.
Nach Unterrichtsschluss packte ich in aller Gemüts Ruhe meinen Ranzen, denn ich hatte Zeit, machte mich auf den Weg, schlenderte durch das Gebäude, passierte die großen Glastüren, und zielte gen links den Elternparkplatz an, der hinter der Schule leicht versetzt auf einer Anhöhe begann. Der Weg hoch zum Parkplatz führte durch eine kleine Laternen- und Baumallee, machte einen Schlenker nach rechts, verlief entlang der Fahrradständer, die ich nie beachtete, und mündete auf dem Platz ein, abgeschlossen auf der linken Seite durch eine letzte Laterne und einen gepflasterten Gehweg.
Dort setzte ich meinen Ranzen ab, mich oft darauf, und wartete. Ich wartete dort oft lange. Ich war einer von denen, die eigentlich immer am längsten warteten. Seltsamerweise kann ich mich nicht erinnern, wo die anderen Schüler ihren Eltern harrten, aber die Wenigsten an meinem Platz.
Ich tat mich recht schwer in meiner Klasse, ich hatte den Dreh beim Umgang mit den Einheiten Freund und Mitschüler-aber-nicht-Freund noch nicht raus, hatte da eine sehr absolute Einstellung. Außerdem hatten wir im Herbst einen neuen Klassenlehrer bekommen, der meine engagierten Eltern und mich unbequem fand. Nach der Schule war ich oft deprimiert. Später sollte ich die Schule wechseln und aus diesem Grund die Klasse wiederholen.
Es war also schon einige Zeit nach Schulschluss vergangen, der Vorhof praktisch geleert. Und dann kam sie. Ich nehme heute an, sie war Parallelklässlerin. Sie kam hoch und stellte ihren Ranzen einen Meter rechts von meinem weiter oben auf den Weg, wo ich gut 3 m vor der Laterne gelangweilt dastand. Geschickt tänzelte sie locker etwas, machte ihren Rücken gerade, schaute kurz über den Parkplatz und sah sich bestätigt, dass für sie noch niemand da war.
Es wehte ein lauer Wind. Die Sonne schien hell, die Szene lag lichtvoll. Es war angenehm, aber nicht warm. Ich betrachtete sie. Ich kannte sie vom Sehen auf dem Schulhof. Sie hatte ein liebes, aufgewecktes Gesicht mit einem weiten Lächeln, das aus dem Schlüsselbein zu kommen schien. Ihre dunklen, schulterlangen Haare mit leichten Locken trug sie nach hinten fallend, sanft im Wind wiegend. Ihre Erscheinung war seltsam majestätisch erhaben, weise. Ganz und gar ein Naturkind.
Aufgeschlossen und kontaktfreudig begann sie ein Gespräch, ich war überrascht.
Sie lächelte ehrlich und entschlossen, unumhaubar. Wie ich damals perverserweise gerade drauf war, sah ich das als Provokation und wollte sie mit meinem gerade etwas verdrießlichen Gemüte konfrontieren und sagte irgendetwas Launisch-Negatives, zusammen mit einer depressiven Rückenhaltung. Ich wurde augenblicklich noch in dem Versuch von einer Gegenwelle positiver Energie umgeworfen, alleine durch ihre Präsenz, ihre Mimik, ihre Augensprache, die flux sagen wollten: »Meinst Du wirklich? Kann doch nich’ sein!« – So was hatte ich noch nicht erlebt! Wie eine magnetische Abstoßung. Ich machte einen Schritt zurück.
Sie sah mich mit wachen Augen an und strahlte unerschöpfliche Fröhlichkeit, Ausgeglichenheit und Alliebe aus.
Ehrfürchtig hielt ich mich darauf zurück; distanziert, schwieg. Sie war ein Sonnenschein, wie es heißt, dass ich einer gewesen sei, vor meinem Augenunfall; aber ihrer war viel stärker. Sie war eine Sonne.
Mit geschickten kompakten Handbewegungen erzählte sie mir eine Anekdote aus ihrem Tag. Meine Gedanken in dem Moment waren:
»Welch ein Engel.
Das habe ich nicht verdient, hier oben mit ihr zu sein, und das ganz alleine.
Ich Griesgram, ich. Mit Sorgen und negativen Gedanken.«
Und diese Gedanken sind original! Ich habe sie mir erhalten!! (Wenn auch nicht in Worten, aber exakt das waren meine emotionalen Eindrücke.)
Wenn ich heute an dieses Ereignis denke, kommen mir noch die Glückstränen.
Ich frage mich immer wieder, was war das nur, was ist damals geschehen, was hat sich damals ereignet?
Es wäre leicht, einfach den Schluss zu ziehen, dass hier die Chemie außerordentlich stimmte und ich mich einfach blitzartig verliebt hatte, aber ich sage euch, das war es nicht. Da war was anderes, irgendetwas ganz Besonderes hat mich dort berührt. Außerdem: Solch enorme Verliebtheitsmerkmale – spontan – mit 9? Unwahrscheinlich.
Seitdem habe ich etwas Vergleichbares mit dieser Intensität nicht mehr erlebt. Zugegeben, das was dem am nächsten kam, waren seitdem Gefühle von Verliebtheit, aber damals war ich noch ganz unbefangen solcherdinge (vergleiche ich es relativ mit meinem Ich von ab 15 Jahren) und auch hormonell noch gar nicht darauf eingestellt.
Und doch, so denk ich insgeheim, muss so die große Liebe sein. Aus dieser Vorstellung heraus war ich auch sprachlos, als sich dann auf dem Gymnasium in der Klasse die ersten “Versuchspärchen” bildeten; die Idee dem Kopf entsprungen; ich konnte das nicht verstehen.
(Ich habe übrigens später selber noch den Fehler gemacht, mit dem Verstand synthetisch fühlen zu *wollen*, als ich in einer besonderen Minderwertigkeitskomplexphase war, in der ich dann selbst glaubte, dies sei die richtige Art der Seeleneindrücke, weil sie ja anscheinend alle um mich praktizierten. Die Folge dieser Verwirrung der Seelenglieder war verheerend. Tatsächlich war es bei den anderen zu der jungen Zeit offenbar ein Erleben noch innerhalb der Empfindungsseele, das ich so nie teilte, und als Beobachter eingebettet in die logische Verstandesseele mit allerlei Widerspruch wahrnahm und falsch nachahmte. Altersdifferenz, Mangel an empirischer Realitätserfahrung, und grundverschiedene unmaterialistische Weltanschauung waren die Begünstiger. Aber das nur am Rande.)
Speziell psychologisch interessant ist es für mich heute, wie mein Selbstwert, besonders in Bezug auf Frauen, damals schon lag, siehe meine Originalgedanken. Ich bezweifle ehrlich gesagt, dass sich die wahren Auslöser dafür in diesem Leben ereigneten, und ich habe viel überlegt. Ich glaube, das ist ein Päckchen, das mir noch aus früheren Inkarnationen aufliegt. Damit stehe ich immer wieder im Konflikt.
Diese Maide hat meine Weltanschauung absolut nachhaltig geprägt, und rückblickend werte ich sie für mich schon fast als eine göttliche Offenbarung und Erscheinung.
Es war ein Schlüsselereignis, ich habe früh eine Kostprobe von etwas sehr Hohem erhalten. Eine Wahrheit wurde mir klar, oder sie verhalf mir vielleicht auch nur dabei, mich wieder daran zu erinnern. Von der Begegnung konnte ich auch in liebes-romantischer Sicht noch sehr lange zehren, ohne überhaupt den Wunsch nach etwas Greifbarem, Nichtgeistigem zu verspüren.
Wir sprachen noch ein wenig miteinander, ich balancierte vielleicht über einige Deko-Steinbrocken an der Seite, dann wurden wir abgeholt. Ich weiß nicht mehr, wessen Mutter zu erst ankam, und wie ich mich verabschiedete, glaube aber, es war ihre. Vielleicht sogar ihr Vater. Ich habe sie nie mehr gesehen. Hielt Ausschau nach ihr, sah sie aber nicht mehr. Glaubte einmal, ihr Gesicht in einer Menge zu sehen. Warum wurde sie an diesem Tag abgeholt und sonst nie mehr?
Es vergeht so viel Zeit. Du hast so viele Erlebnisse, aber nur so wenige Offenbarungen, die sich teilschließen zu etwas Großem, einer Wahrheit. Und Du fragst dich, ob diese Erkenntnisse nicht alle in einem Licht kombiniert sein könnten. Und ob Du diese Faser in dir spüren kannst. Ob Du sie festhalten kannst. Ob Du sie mit deinem Sein verflechten kannst.
Für dich, um all die Fehler nicht machen zu müssen, die Du machst. Für dich, um ein Leben mit dem Vermögen der Erfüllung zu führen. Für dich, als Teil der Wahrheit.
__
Notizen für den Text Dezember 2009, weitere Details April 2010, ausgearbeitet und vollendet nun.
Als ich den Ort besuchte, um die Fotos zu machen, ward mir noch ganz schauer.
Großartigkeit
26. Apr 2011
Man stilisiert sich den Wechsel aus, glaubt, irgendetwas und alles wird sich komplett und radikal ändern. Und dann startet man sein Linux und landet auf seinem Desktop von vorhin, ohne Murren, ohne Peng-Peng, einzig muss zuvor unter Umständen der alte Grafiktreiber deinstalliert werden.
Dann klickt man ein bisschen rum und nach einigen Sekunden hat man vergessen, dass man nun auf einem System mit einer Hochpotenz der Leistung des alten Systems arbeitet, alles ist wie gehabt, nur ein klein wenig flutschiger.
Ohne dass es dir besonders bewusst wäre, erhöhst du mit der Zeit deine Standards, nimmst nun doch einen verlustfreien Codec für dies und jenes und encodierst deine Videos bald ganz selbstverständlich in Studioqualität. Der Übergang durch die neue Grenzbestimmung ist fließend und mit dem Luxus an höhere Standards, die heute, ja heute noch, deinen Premium-Anspruch par excellence befriedigen, wird dein Rechner schrittweise auf das Durchsatzniveau bei Standardaufgaben deines Altrechners angeglichen. Und es wird sich immer wiederholen, das ist das Schöne an PCs, und zugleich das Tragische. Dazwischen ist eine Phase, in der du das Gefühl hast, dass irgendwas an deinem System fehlt und du weiß Gott nichts mit seiner Leistung anzufangen weißt. Aber die Zeit, die ändert das, die Zeit ist der wahre Fortschrittsmotor dieser Branche, des Einsiedler-Biotops der Geeks.

Konkret geplant war der Rechner seit Sommer 2010, das nötige Kapital wurde mir Mitte Januar 2011 bewilligt.
Die Recherche nach den besten Komponenten dauerte wie gewöhnlich bei meinen größeren Anschaffungen mehrere Wochen.
Meine Maxime diesmal: Das Beste. Keine Kompro-misse mehr. Du bereust sie *immer*.
Und alles perfekt aufeinander abgestimmt.
Zusammenbau alte HW: Juni 2007
CPU: AMD Athlon64 X2 5200+ EE (2,6 GHz)
RAM: letztlich 4 GB DDR2-800 A-Data/V-Data
MB: Abit NF-M2-Nview
GC: GeForce 7600 GS/später 8600 GS
PS: be quiet! Straight Power 450W
F: Arctic Cooling Freezer 64 Pro + Arctic Cooling Arctic Fan 8 PWM + Noiseblocker BlackSilent 80 mm
WLP: Coollaboratory Liquid Metal Pad
HDDs: 3 HDDs, letztlich 5 TB
optische LWs: LG DVD-Brenner + LG Blu-Ray/HD DVD-Leselaufwerk
Gehäuse: noname Mac Pro-Nachbildung, relativ wertig, schwarz
Zusammenbau neue HW: Januar 2011
CPU: AMD Phenom II 1100T (3,2 GHz – OC @ 3,85 GHz stabil mit AMD C&Q) (bis dato AMDs schnellster Desktop-Prozessor, und das macht mich sehr glücklich)
RAM: 4 GB DDR3-2000 (OCZ3P2000C8LV4GK) (OC @1920 MHz stabil)
MB: ASUS M4A89GTD PRO/USB3
GC: SAPPHIRE AMD Radeon HD 6850
PS: ENERMAX Modu87+ 500W
F: Noctua NH-D14 + Noctua NF-S12B
WLP: Coollaboratory Liquid Metal Pad
HDDs: erhalten + ein silentmaxx HD-silencer-Festplattendämmer (das Lauteste in jeder Hinsicht an dem Rechner sind die mechanischen Laufwerke)
optische LWs: erhalten
Soundkarte: ASUS Xonar DX PCIe (native Linux-Treiber!)
Gehäuse: Xigmatek Midgard
Monitor: Dell/Samsung 23″ Full HD seit Anfang 2009
Soundsystem: Edifier S530D 2.1 Rev. 2 seit August 2010
geplante Anschaffung: System-SSD mit 400 MB/s+
Bei einigen der Bilder wäre mir vor wenigen Monaten noch der Sabber gekommen. Wie euch in diesem Moment. Hrrr.
Damit: Allen verspätet einen schönen Start in 2011 und wieder auf diesem Blog!
Seid nicht zu sehr angeberisch und materialistisch! ;D
Dichterwettstreit
16. Okt 2010
Ich bin auf der Suche nach einem freien Platz. “Ist hier noch frei?” “Nein, die Plätze sind alle besetzt.” Mein Blick schweift über den Raum, im vorderen Teil, die Stufe hinab, ist alles belegt. Im hinteren Teil sind noch Stühle an Tischen frei, mehr oder weniger gute Sichtwinkel. Hinten sitzen die Erwachsenen, vorne die jungen Leute. Ich sage mir, vorne müsstest du doch sowieso so unbequem den Kopf zur Bühne heben, hinten hast du entspannte Sicht. OK, ich kam knapp zu dem Poetry Slam, wie eigentlich immer. Endlich finde ich einen Dreidamentisch, der mich aufnimmt. Als ein Exot unter ungleich älteren sitze ich nun hinten und beobachte, wie die vorne noch neue Freunde begrüßen und ihnen die von ihnen für sie vorbelegten Plätze zeigen. Ich kam allein. Mir hat auch niemand reserviert; wer sollte. Ich komme hier immer allein her, suche einen Erwachsenentisch, der mich gnädig aufnimmt. Die kommen auch in Gruppen, wenigstens zu zweit, meistens.
Die ersten 20 min des Abends bin ich regelmäßig in mich nachdenkend versunken.
Es heißt, geh raus, geh zu Veranstaltungen, da lernst du nette neue Leute kennen. Ich sitze über den Infragekommenden. Selbst wenn ich es einmal durch verschätzte zeitliche Überpünktlichkeit oder glückliche Fügung der äußeren Ereignisse schaffte, mir im vorderen Teil einen Platz zu sichern, half mir das nicht. Traute mich nicht zu sprechen, aus mir raus zu gehen. Wie macht man das da? Ich weiß nicht.
Die Schule hat wieder begonnen, ich bin jetzt in der Kursstufe. Kaum noch vertraute Personen um mich, ein ganz neues soziales Umfeld – oder eher gesagt, so viele wie Kurse. Ich tu mir sehr schwer, Kontakte aufzubauen, weiß nicht, wie das gehen soll. Direkt ein bisschen geredet habe ich mit den Jungs mit den iPhones, das war kein Problem. Im Nachhinein dachte ich, wir haben ja *nur* darüber geredet, nichts Persönliches ausgetauscht. Wie Jungengespräche halt gewöhnlich laufen.
Vergangene Sommerferien war ich sage und schreibe einmal unter Gleichaltrigen, zwei alte Chatfreunde, die auf einen Tag zu Besuch kamen. Die restliche Zeit moderte ich daheim unter meinen Eltern herum – was wirklich auch nicht schlecht sein muss – oder lag alleine im Stadtpark, ein Buch lesend. Ehrlich, ich hab überhaupt keinen Bezug zu mir noch unbekannten Gleichaltrigen, ich kann mit ihrem Leben gar nichts anfangen, der Lebensweise von irgendwie so Normalen, Nicht-Geeks (aber das schrieb ich schon mal vor Jahren).
Vermutet, gefürchtet, gebangt, das hatte ich im Gedanken an die Auflösung unserer Klassengemeinschaft um einen Punkt. Nun, ich war zuletzt wirklich der aggressivste Kritiker unserer Klasse, vor allem störten mich die letzten zwei Jahre die zunehmenden starren Strukturen und die verlorene Denkfreiheit, im speziellen für mich durch ein paar Geschehenisse, aber jetzt fehlt sie mir.
Sie war immer etwas, in das man regelmäßig zurückfiel, das einen trug, auf das man als Ganzes noch irgendwie vertrauen konnte. Das ist jetzt weg, jeder ist auf sich allein gestellt.
Da ist eine enorme soziale Kälte in mir, die kristallisiert und schmerzt. So viele Mitschüler um mich, aber alle fremd, über die Hälfte irritierend jung, und keiner, wirklich keiner unter denen, mit dem ich mal ein paar Worte über eine Emotion, ein Gefühl austauschen kann und der oder die mich lächelnd und aufmunternd anschaut, mit einem Blick Mut macht. Das war in den Ferien ok, da war ich nicht unter Menschen, da haben sich viele inneren Vorgänge auch nicht ergeben, aber jetzt ist Schule, ist Stress, und ich bin ja unter Mitmenschen, aber jetzt ist keiner für mich da. Wenn man das nicht ausgleichen kann, wo irgendwo anders, ist es furchtbar. Ich habe sehr, sehr große Angst, jetzt keine Freunde zu finden.1
Ich weiß jetzt, dass die mit den iPhones ganz nett sind, das funktioniert, man hat ein gemeinsames Thema, fachsimpelt sich gegenseitig an und dann… Dann lauf ich aus dem Ruder, dann weiß ich nicht, wie ich weitermachen soll und ob, und weiß auch ehrlich nicht, ob mich das Mehr vom Gegenüber jetzt noch interessiert. Es ist ganz eigenartig…
Zusätzlich dumm ist der Aspekt der Altersunterschiede der G8er zu uns G9ern im Doppeljahrgang (plus mein Wiederholen der 3. Klasse); wenn ich wen bisschen Interessantes gefunden habe, glaube ich meist eher nicht, mit ihm wegen des Alters außerhalb der Schule oder gar außerhalb des Themas etwas machen zu wollen, aber das ist noch mal eine andere Sache.
Grüppchen von Maiden tuscheln dort unten. Die wenigsten sind begleitungslos da, um die kleinen Rundtische drängen sich Freundeskreisverbindungen, oft mit Partner. Gut 2/3 der Unterparkettler dürfte weiblich sein, das andere Drittel setzt sich zusammen aus den angereisten männlichen Poesie-Vortragenden und den Partnern der 2/3. Glaube nicht, dass viele von denen gekommen wären, wenn sie von ihren Freundinnen nicht mitgenommen worden wären. Insgesamt sieht die ansehnliche weibliche Belegschaft dort unten über den Finger geschätzt sehr vergeben aus.
Gefühle des Alters formen aus einem Nebel eine Manifestation die ich nicht fühlen mag; Unabänderlichkeit, zu spät sein. Langsam komm ich damit klar. Langsam akzeptiere ich, dass ich es nicht schaffe, dass ich es nicht kann, weil ich total sozialinkompetent und introvertiert und schüchtern bin. Langsam kann ich sie anschauen ohne in Verliebtheitsfantasien, Möglichkeiten abzudriften, bleibe ganz sachlich. Ob das gut ist, ist sicher fraglich, aber es macht mir weniger Stress und erzeugt weniger Selbstwertstiche. Es ist irgendwo konsequent.
Aber dass ich auch komplett abgeschottet von (wirklich) gleichaltrigen Jungen in der Nicht-Netz-Realität bin, das setzt mir zu, macht mich krank. Ich hätte so gerne Kontakt und weiß nicht wie. Eine Träne rinnt.
Wenn ich sie beobachte, dann ist mir überdeutlich, wie viel reifer sie im Gruppenumgang sind, selbstbewusster Meinungen vertreten, deutlichere Charakter ausgebildet haben, und was weiß ich noch alles… Irgendwie erwachsener eben. Tatsächlich halte ich mich auch dazu fähig, ich kann das auch, oder könnte es, irgendwie… Aber nicht so, nicht wenn ich nie unter solchen Menschen bin! Ich sehe nicht so aus, aber ich bin potenziell mindestens so weit wie sie – bildlich gesprochen fühle ich in meinem Kopf ausgegraute neue Bereiche, die früher noch nicht da waren, in die ich hinein könnte, und es so gerne wollte, wenn ich nur wüsste wie… Nicht benutzte, nicht geschulte Kapazitäten, oder auch nur anschauliche Fähigkeiten, die aus Gefühl das Potenzial der Entfaltung und Verwurzelung dieser Kenntnisse bieten…
Wahrscheinlich kann man sagen, ich bin sozial entwicklungsgehemmt, wobei es das nicht ganz trifft. Jedenfalls bin ich wirklich tief unglücklich darüber, und nicht erst seit vorletzter Woche.
Durch meinen frühen Geburtstag im September war ich bei Einschulung schon der Zweitälteste in der Klasse, damals noch stolz darauf, nachdem ich die dritte Klasse freiwillig wegen eines besonderen Schulwechsels wiederholte dann endgültig, und die Altersdifferenz von im Schnitt anderthalb Jahren war meine bisherige Gymnasialzeit schon Grund von vielem Klagen und Ursache von kleineren Störungen.
Und jetzt nicht noch mal eine Verbreiterung des Grabens! Das ist der Hauptgrund, warum ich über den G9/G8-Doppeljahrgang jammere; weil ich befürchte, noch weniger Gelegenheit zu bekommen, mich in altersentsprechendem (und besserem!) Umfeld zu entwickeln. Ich hab schon mehrfach schlecht deswegen geträumt. Entwicklungsstop, fast schon Rückwurf. Aber ja, daran ist nicht die Schule schuld, sondern ich.
Klar gehe ich nicht aus Gesellschaftsgründen auf den Poetry Slam, sondern um die Poeten zu hören. Aber es ist so ein Wunsch von mir, wenn ich rausgehe, einmal Kontakte knüpfen zu können. Vielleicht ist die Erwartung zu groß, auch weil ich außer dem Dichterwettstreit alle paar Wochen abends nicht das Haus verlasse, und weil ich auch sonst immer noch keine Tagesaktivitäten außer der Schule habe, bei denen ich unter Menschen käme. Speziell unter eine Vielzahl neuer Gesichter, Abwechslung, Dynamik und so weiter. Irgendwas.
Also, Lösungen aus der Misere. Ich roll mir das Thema noch mal auf. Ich habe kein Interesse an Alkohol und Getränken, finde dieses “Was trinken” ehrlich gesagt auch lächerlich. Bin zu introvertiert zum Tanzen – wollte es mal, aber kriege es nicht über mich. Freimaurer? In unserer Loge sind nur reife Erwachsene, nützt mir nichts. Pfadfinder? Für meinen Geschmack zu aktivitätsfreudig. Was gäb’s noch? Keine Ahnung.
Und ich habe keinen, der mich in irgendwelche speziellen Kreise einführen könnte, WEIL ICH KEINEN KENN. Der Verdienst aus 10 Jahren Geek-Sein! Zehn Jahre vergeistigte Tätigkeiten, lieber als Gesellschaft. Oder andersherum, weil ich von Kindergarten an nie bereichernde Weggefährten fand, völliger Rückzug ins Alleinsein; wofür ich aber zusätzlich eine Veranlagung besitzen müsste, denn dem Durchschnitt passiert das nicht, und das hieße, ich hatte im Psychischen selbst Schuld von Anfang an; und — oww…
- Mir ist bewusst, dass es so auch während des Studiums sein wird, doch der nun stattfindende Umstellungsprozess macht sich eben eben für mich äußerst schmerzlich bemerkbar.
Der Text ist schon ein paar Wochen alt, ich wollte ihn bei meinem damaligen Gefühlsstand zu genau dem Zeitpunkt belassen. Zwischenzeitlich entwickelten sich leichte Besserungen: Mit einigen Maiden in meinen Kursen kann ich Gedanken austauschen, mit den Jungen dagegen fange ich allgemein kaum etwas an, sie bleiben mir verschlossen. [↩]
Das Mädchen, das kleine Ding
25. Sep 2010
Ist euch schon mal das angefügte “-chen” an dem Wort aufgefallen? “Mädchen” ist sexistisch, es ist eine Verniedlichung. Das könnte egal sein, hieße es dagegen nicht ungerechterweise “der Junge”. – Aber halt, da gibt es doch das Bübchen.
Aha, auf der Suche nach einer sprachlichen Gleichwertigkeit zu Mädchen kommen wir auf das Bübchen; spätestens jetzt sollte jedem die antiquierte und unzeitgemäße Sprachfestlegung ins Gesicht springen.
Herkunft des Wortes ist das Diminutiv (Verniedlichungsform) von Magd → die Magd → das Mägdchen → das Mädchen.
Diminutive bekommen einen sachlichen Artikel, da sie als Neutrum behandelt werden. Ein Hauptziel feministischer Sprachpolitik ist die Herstellung von sprachlicher Symmetrie. Wir könnten also einfach das -chen streichen und bekämen eine Mäd – nicht sehr tauglich. Fügten wir analog zu Junge noch ein -e daran, hätten wir eine Mäde. Noch immer wäre damit aber keine Symmetrie hergestellt, besitzt doch die weibliche Form einen Umlaut, – also Made? Nein, doch es ließe sich auch ein -a anhängen, was uns eine Mada einbrächte, nur ist diese Form im Deutschen eher unüblich.
Glücklicherweise hält unsere Sprache noch ein ein Synonym zu Magd parat: Die Maid. Hört sich Magd heute nach bäuerlichem oder Hausangestellten-Kontext und unter Vormundschaft an, hat sich die Maid ihre Reinheit bewahrt, konnte vielleicht sogar noch etwas Prestige als Anrede hoher Frauen (meist mittelalterliche Geschichten mit dem Bezug zur Unvergebenheit) gewinnen.
Graben wir dieses relativ unvorbelastete ursprungsdeutsche Wort hervor, ergibt sich: Die Maid, der Junge, die Maiden, die Jungen – vollständige Symmetrie hergestellt!
Und huch: Jetzt heißt es auch nicht mehr: “Oh, DAS kleine, süße, Mädchen [/Entchen/...]” Das Femininum zieht ein.
Es macht mich wütend, dass ich selbst in wissenschaftlichen Bereichen ausnahmslos Mädchen lesen muss und finde es traurig, dass so viele junge Frauen die sprachlich-patriarchale Verniedlichung mit sich machen lassen. Das Wort hat seine Berechtigung bei Kindern, aber ab dem Alter, in dem man zu ihnen nicht mehr Bübchen sagen könnte, ohne eine gewischt zu kriegen, sollte auch dieses Wort einem angemessenerem weichen.
Meine Bitte ist, euch Gedanken darüber zu machen und euch um das Wort bewusst zu werden. Als ich vor mehreren Monaten darauf kam, beschloss ich, zuerst mich selbst zu ändern. Seitdem gewöhne ich mir an, Maid und Maiden anstatt Mädchen zu sagen und nach einem verwirrten Blick und meiner Begründung kommen meine meist verständnisvollen Zuhörer damit zurecht.
Auch interessant: Mädchen und Bübchen, fembio.org
Nachtrag vom 12. Oktober 2010:
Die letzten Wochen beschäftigte mich hartnäckig die Frage, ob ich nun im Singular Maid oder Maide sagen sollte. Maid ist im Deutschen und Englischen die offizielle Form, das zu seinem Plus. Möchte man aber absolute Symmetrie herstellen, müsste man in der Konsequenz entweder das -e an Junge streichen, oder ein -e an Maid anhängen. Da das eine sprachlich nicht umsetzbar ist, bleibt nur die Änderung zu Maide als Lösung und als Nächstes stellt sich einem dann die Frage ob der akzeptablen Ästhetik und dem Lautbild. Diese möchte ich bejahen und als vorteilhaft bezeichnen: Als Vereinfachung muss beim Plural wie bei Junge nur noch ein -n angehängt werden, das “gehauchte” Maid bekommt mehr Stimme und kann mit geringerer Anstrengung laut betont werden, und letztlich bietet das -e die Chance, die Neubezeichnung als starkes neues Wort zu etablieren, vielmehr noch als mit den leisen Reminiszenzen an Burgfräuleins. Darum lautet meine neue Empfehlung: Die Maide, die Maiden.
Erklärung kultureller Revolutionäre
23. Mai 2010
Dies ist ein offenes Experiment.
Ein in Worte fassen von dem, was bereits in der Luft liegt.
Je häufiger diese Erklärung gelesen, gedacht oder ausgesprochen wird, umso mehr wird ihre Energie sich in unserer Welt und Gesellschaft manifestieren.
Wenn du das Gefühl hast, was du hier liest, in dir wiederzufinden, mach es zu deinem Statement.
Finde Wege, die Erklärung zu lesen, sie zu teilen und in Aktion umzuwandeln.
Kulturelle Revolutionäre in 2009…
- leben, handeln und arbeiten mit und nicht gegen die Natur
- wissen, dass Leben zu komplex ist, um es zu intellektuell zu verstehen
- schaffen und unterstützen lokale, autonome Ökonomien
- wertschätzen und bewahren Vielfalt aller Art
- wertschätzen und praktizieren gegenseitige Abhängigkeit, da sie wissen, dass nichts getrennt existiert
- betrachten sich als gleichwertig zu allen Lebensformen
- beschützen und unterstützen Leben
- lieben und unterstützen Kinder bedingungslos
- arbeiten an sich selbst, hin zu grösserer Bewusstheit
- kennen ökologische Prinzipien und integrieren sie in ihr Leben
- sehen Musik und Tanz als integrale Bestandteile ihres Ausdrucks und ihrer Kommunikation
- leben auf einer lebendigen Erde und betrachten sie als heilig
- wissen wie sie ihre Nahrung anbauen
- wissen ihre sinnliche Bewusstheit zu schätzen
- feiern das Leben
- kooperieren
- verlagern ihr Denken von ‘Entweder oder’ zu ‘Sowohl als auch’
- teilen ihr Wissen
- verstehen und integrieren Prozess, als eine Art und Weise zu sein
- sind nicht mit ihrem Körper, ihren Gedanken oder Emotionen identifiziert
- sehen den Verstand als Werkzeug
- erkennen, dass es kein richtig oder falsch gibt
- sind nicht mit einem sozialen Etikett, ihrer Vergangenheit oder Zukunft identifiziert
- sind sich bewusst, dass die Essenz dessen was sie sind, das Leben selbst ist
- übernehmen Verantwortung für ihre Emotionen
- sind sich ihrer Beziehungen zu ihrer lebendigen und scheinbar nicht-lebendigen Umgebung bewusst und wertschätzen diese
- wertschätzen und integrieren die Weisheit von Frauen
- wertschätzen und integrieren die Weisheit von indigenen Kulturen
- wertschätzen das Wissen von Generalisten
- sind sich über Wandel und Veränderung als eines der Kernprinzipien der Evolution bewusst
- arbeiten in Richtung Diversifikation und Dezentralisierung
- nehmen an dem Ort an dem sie leben Anteil, und bauen Beziehungen zu ihm auf
- werden von abhängigen Konsumenten zu verantwortungsvollen Produzenten
- suchen nach Wegen, um ihre Interessen und Talente entfalten zu können
- haben den Mut, sich Gesetzen, die Selbstregierung, Selbstversorgung und Selbstbestimmung illegal machen, zu widersetzen und ihnen nicht zu folgen
- sind über das derzeitige Geldsystem informiert und identifizieren es als kontemporäre Form der Versklavung
- identifizieren und boykottieren biologische, kulturelle, soziale und philosophische Monokulturen
- boykottieren Monopole jeglicher Art
- stellen jeden in Frage, der eine einzelne Lösung vorschlägt
- wertschätzen Umwelt- und menschliche Ethik mehr als Profit-Maximierung
- boykottieren Konzerne und Banken, die auf Profit-Maximierung hinarbeiten
- fordern Land und Wälder als Gemeingut zurück
- fordern Wasser als Gemeingut zurück
- fordern biologische Vielfalt und Wissen als Gemeingut zurück
- sind sich bewusst, dass sie zu jeder Zeit am Prozess der Ko-Kreation teilnehmen
- erlauben dem Leben, sich durch sie zu entfalten
Berlin, 03/2009
Habt Mut. Die Bewegung wird immer größer. Die Gedanken greifen um sich, berühren stetig mehr festgefahrene Strukturen, und es brizzelt in der Luft.
Mädchengespräche
17. Jan 2010
Seit der Pubertät hat sich der Kontakt mit Mädchen für mich auf das Nötigste in der Klasse reduziert, seit da, wo ich es am meisten hätte brauchen können. Ich glaube, das könnte mir wirklich gut tun und heilsame Impulse geben, aber es ist eben immer die heikle Geschlechterthematik dazwischen.
Gespräche mit Mädchen zu führen erfüllt und nützt mir mehr, weil sie realistischer (nüchterner), einfühlsamer, und weniger selbstdarstellerisch sind. Das Problem ist nur, dazu zu kommen: Ich habe stets die Befürchtung, es wirke wie eine blöde Anmache. Dabei will ich doch nur reden…
Da die Frauen durch den Geschlechtstrieb der Männer beständig Anfechtungen finden, ja schon von selbst diesen entgegensehen, sobald ein Mann ihnen nahe kommt, umgeben sie sich notwendigerweise mit einer Reihe schützender Vorurteile, die sie auf Distanz und unter Kontrolle wie Bestimmtheit halten, ganz zurecht.
Daraus folgt eine schnelle Abwehrhaltung in Kontaktversuchen, eine depressive Voreinstellung, die man als Mann erst einmal per Überzeugung bezwingen muss: In die Richtung, dass sie einen interessant oder attraktiv finden und gewähren lassen, oder dass sie einen nicht als Interessenten einschätzen und als keine Gefahr sehen, oder aber sie wehren einen ab.
Bei jeder Handlung frage ich mich: Darf ich das? Ist das zu viel? Was könnte sie da interpretieren?
Ab wann ist es eine Anmache, ab wann fühlt sie sich bedrängt und belästigt, ab wann wähnt sie Gefahr und zieht sich zurück?
Ich will keine belästigen, oder das Gefühl davon aufkommen lassen und ich will nicht, dass sie in den Gattungsinstinkt fallen und sich fürchten, nicht bei mir.
Ich habe mich dazu entschlossen, dieses “Klischee” (es ist ja keines) nicht bedienen zu wollen, und bin auch geflissentlich darum bemüht, unter keinen Umständen dafür gehalten zu werden, auch und besonders unbeabsichtigt.
Ich fühlte mich dabei gewöhnlich, selbstsüchtig, berechnend, unethisch, unaufrichtig, und selbst ertappt als Lüstling, der nur nach einem strebt – so will ich nicht sein!
Ich finde die von den Männern gepflegten weiblichen Umgangsarten in diesem Bereich falsch, ich verachte das und ich will nicht für einen von ihnen, mit diesen niederen Zielen gehalten werden, auf keinen Fall, und schon beim Für-Gehalten-Werden geht es um meine Selbstachtung (“Ich habe versagt und wenn ich so offensichtlich versagt habe, dann bin ich vielleicht wirklich so wie die Gattung, dann beseele ich meine Ethik nicht, dann mache ich mir nur in Idealismus selber etwas vor!”).
Das ist, wenn ich gerne einfach reden würde. Und dann gibt’s da ja noch das andere, dass auch ich hin und wieder Interesse hätte…
Was sich da jetzt in mir auftut, ist ziemlich schwierig für mich. Ich stehe im Konflikt mit meinen eigenen Interessen: Dem weiblichen Geschöpf den vollsten Respekt erweisen (was in seiner Extremausprägung bedeutet, gar keinen Kontaktversuch zu lancieren), oder meinem persönlichen Interesse nachzugehen (oder eben auch nur dem Gesprächswunsch). Und momentan stelle ich den Respekt noch an vorderste Stelle.
Es stellt sich mir auch die Frage, soll es offensichtlich sein, darf es offensichtlich sein, oder darf es das gar nicht, und was bedeutet das im Umkehrschluss für mein erwartetes Verhalten, wenn ich nur eine Gesprächspartnerin möchte? Wie signalisiere ich meine Intention ohne Missverständnisse, besonders dasjenige, das man mich in das Männer-Klischee abstempelt – davor habe ich viel Angst und das führte dazu, dass ich mich aus Unsicherheit die letzten Jahre eigentlich gar nicht mit Mädchen außerhalb meiner Klasse zu sprechen traute.
Wie unterscheiden sich Flirt und eine respektvolle selbstbezweckte Unterhaltung in der Umgangsform?
Und wenn ich Interesse habe, wie soll ich mich verhalten, um dennoch nicht pauschalisiert werden zu können? Wie?!
Ich verhalte mich oft vielleicht auch absichtlich etwas kindisch vor Mädchen, nicht mal, wenn ich einen Gesprächswunsch hätte, sondern schon ganz ohne, um es nicht so erscheinen zu lassen, dass ich mich um ein besonders gutes Bild von mir vor ihnen bemühe und ihnen sofort gefährlich werden könnte als charmanter, heimtückischer Aufreißer, einfach um ihnen die Angst zu nehmen. (Oh Gott, die Abstrußität und Selbstbenachteiligung wird mir erst gerade beim Formulieren klar!)
Die Befürchtung beim blosen Gesprächswunsch in mir ist auch, sie denken gegen Ende des Gesprächs, ich war auf einen Flirt oder ein “Näheranschauen” aus, aber sie hätten mir dann doch nicht gefallen und würden das als Verletzung erleben und mir in Folge entsprechend heimzahlen wollen…
Oder ich habe Angst, dass ich mich, trotz aller Vorsicht, bei Interesse oder Gesprächswunsch, falsch verhielte, so dass mein Kontaktversuch als offensichtlichste Anmache gesehen und (mitleidvoll) belacht wird, denn sie alle haben ja schon viel mehr Erfahrung mit so was…
Ich würde mich in der Schule wirklich gerne mal mit ein paar Mädchen unterhalten, die ich wirklich spannende Persönlichkeiten finde, aber es geht nicht.
Aus dem gleichen Grund habe ich Komplexe davor, mit jungen Unterstuflerinnen ganz harmlosen Austausch zu führen, aus der Sorge, ich würde argwöhnisch als notgeiler Anmacher an jüngeren, oder gar Pädophiler gesehen.
Intergeschlechtliche Kommunikation funktioniert für mich nur rudimentär mit den Mädchen aus meiner Klasse, weil da mittlerweile eine Art familiäres Verhältnis herrscht.
Aber wie soll Geschlechterkommunikation überhaupt mit dem Problem der Geschlechtlichkeit unter sonstigen Normalbedingungen in der Gesellschaft funktionieren? Ist die nicht verdammt in eine Schein-Einigkeit des Fortbestehens des Systems wegen und darunter feindsame Spaltung? Ich will gerne mit nein antworten, doch exakt so erlebe ich es.
Ein Problem scheint auch meine Herzlichkeit und Offenheit zu sein: Wenn ich mich ganz natürlich und offen wie ein Kindergartenkind vor Mädchen verhalte, dann werde ich verschreckt und beängstigt angesehen und mit Rückweichung bestraft. Durch diese (für einen Jungen) unübliche Art aktiviert sich also der weibliche Gefahrenschutz.
Wie kann ich also mit Mädchen als Leutschaft sprechen? Das *ist* meine “verhalte dich einfach ganz natürlich”-Art! Die hab ich mir über die Jahre als reinste Form behalten, alles darüber sind bei mir nur aufgesetzte Schutzhüllen! Und ich will doch in solchen (und Interesse-) Situationen dann aufrichtig und ehrlich “ganz ich selbst” sein!
Wie kann ich da nur zu einer Synthese finden, ohne mich zu verstellen? Brauche ich dafür noch mehr gereiften Charakter?
Dazu kommt noch, überhaupt: wie soll ich es nur schaffen, in einer gesteigerter Verliebtheit (nein, kommt nicht oft vor) vor Begeisterung nicht völlig entzückt und überdreht aufzutreten? Fällt mir sehr schwer.
Hier sollte es bewusst mal nur um meine Sorgen und Befürchtungen vor und bei Mädchengesprächen gehen, die anderen Dinge wie Schüchternheit und fatale Unfähigkeit zum verbalen Gespräch lasse ich bewusst hier raus.
Ich frage mich immer wieder, warum es so mit mir gekommen ist, was ist da nur falsch gelaufen…
Ich habe den leisen Verdacht und Angst vor meinen Untiefen, dass manches davon nur eine Sublimation meiner Sozialinkompetenz sein könnte…
Vielleicht sind meine Einstellungen zu dem Ganzen aber auch goldrichtig, was aber nichts daran ändert, dass ich zuschauen muss, und nur das kann, wie die anderen Jungen dennoch Kumpelinen und Freundinnen haben, halten und bekommen. So komme ich ins Zweifeln und das macht es doppelt schwierig. Sie kriegen es hin und ich nicht, das ist der Punkt.
Man merkt: Ich denke ziemlich viel, ziemlich unterbewusst. Ziemlich ungut oft für mich. Gerade hier.
Das ist wieder eines dieser Beispiele, wo ich denke, ich habe des einen zu viel, während (wahrscheinlich) noch der Reife zu wenig.
Warum schreibe ich das alles jetzt? Weil ich es jetzt kann, weil es mir bewusst wurde, und weil ich es klar für mich machen und für die Fragen endlich Lösungen finden will.
Das Jahr und ich
31. Dez 2009
Ein ziemlich unkontrollierter Monolog über das Jahr und was mich gerade beschäftigte. Ich spreche sonst nicht viel, darum ist das formulierungstechnisch nicht ganz so top und das bitte ich euch, mir zu verzeihen.
Warum man sich das ansehen sollte kann ich auch nicht sagen, ihr habt ja aber immer einen Grund.
Gesamtlänge: 24 min (Die Videos sind mittlerweile nicht mehr öffentlich zugänglich)
Reife + Gedanken
15. Nov 2009
Ich habe Angst. Ich nehme nicht am gemeinsamen Reifen meiner Gleichaltrigen teil, bin aber gleichzeitig so depressiv, dass ich mich auch nicht besonders mit anderen großen Themen beschäftige. Sehe ich so.
Weder lese ich dicke Romane, programmiere, bin ein Linux-Crack, designe, interessiere mich groß für Naturwissenschaften, spiele ein Instrument, spiele Theater, schreibe Gedichte, oder lerne Tolkien auswendig.
Ich sitze daheim, mache meine Hausaufgaben viel zu selten selbst, lese Twitter, vielleicht noch ein paar IT-Nachrichtenseiten, microblogge selbst, höre seltener Musik, sehe Filme, lese immer mal wieder Esoterik, Philosophie und etwas Weltliteratur, und reflektiere meine Gedanken.
Dieses Geständnis hier abzugeben, hätte ich mich vor einem Jahr und vor meinem Microbloggingbeginn noch nicht getraut.
Ich habe Angst um meine Reife. Große. Ich weiß nicht, wo das mit mir hinführt. Andere, die auch wenig für die Schule machen, und andere, die sich auch so selten in Gesellschaft wie ich befinden, beschäftigen sich zumindest, sind sie intelligent, noch mit gewissen Bereichen in extremer Form. Ich nicht. Ich kann mich mit nichts Erreichtem von mir identifizieren, kann auf fast nichts von mir stolz sein.
Es ist mir oft, als sei ich zu intelligent, wahrlich zu “reif”, um mich auf Dinge einzulassen, mich für sie voller Herzen zu begeistern, oder sie konsequent zu verfolgen.
So, als wüsste ich zu viel, als sähe ich, unbewusst und ohne Anstrengung, geradezu instinktiv, zu weit auf den kommenden Verlauf. Ganz komisch.1
Zu viel offenbar, um ein erfülltes Leben zu führen. Gleichzeitig fasse ich es dann nicht, wie dumm und einfältig ich bin, oder mich eben dadurch so verhalte. Es ist ein ambivalentes Gefühl, ich weiß nicht, was ich von mir denken soll, ist das nun extreme, katastrophal fehlgeleitete Intelligenz, oder große Torheit, und wo ist da noch der Unterschied?
Nicht mal im Microblogging, wovon ich sagen könnte, ich betreibe es exzessiv, bin ich wirklich gut. Meine überschaubare Follower-Anzahl macht mir dabei nicht so viel aus; ich bin mit meinem Stil unzufrieden. Es gibt viele, die nicht weniger sensibel als ich zu sein scheinen, und sich ebenfalls in ihrer aktuellen Lebenssituation unwohl fühlen, aber sie bringen trotzdem noch eine irre Sprachpoesie, Beobachtungsleistung und Realphilosophie auf die Reihe. Das ist dann wieder das, wo ich mir Vorwürfe mache.
Ich weiß, dass ich ziemlich intelligent bin, aber ich nutze die Gabe nicht, und was bringt mir ungeübte Intelligenz; sie muss geschliffen werden durch das Leben zu einem funkelnden Edelstein. Ehrlich, ich sehe das so, dass ich die letzten Jahre verschenkt habe, mich mental und emotional weit nicht so weit entwickelt habe, wie es in meinen Möglichkeiten gestanden wäre – ich muss auch so hart zu mir selbst sein und zugeben, dass ich nicht für alles meine unglückliche Schulsituation verantwortlich machen kann, die hängt dabei mit einer ganzen Menge zusammen, aber ich hätte viel früher aus der Lähmung erwachen können.
Wie ich in meinem Schulleidensbericht2 schon erzählte, habe ich die dritte Klasse wiederholt und bin seitdem mit einen Jahr Jüngeren zusammen. Das Prekäre liegt dabei darin, dass ich außerhalb der Schule nicht unter Menschen bin, die Schule also der einzige Ort ist, an dem ich in Sozialkompetenz und Charakter eine Lernmöglichkeit habe (ein sehr ungünstiger Ort; wie ich *dieses* Jahr langsam mitbekam, verhalten sich junge Leute außerhalb der Schule komplett anders).
Nun ist es so, dass ein Jahr einen großen Unterschied in Intellektsentwicklung ausmacht, ein Gebiet, auf dem ich sowieso weiter als so einige bin. Wir haben also keine gleiche Basis im Verstehen und Auffassen von Dingen, aber sie sind dafür weiter in allem Nachaußentragenden. Eine komische Situation, wenn man das so bedenkt. Es führt dazu, dass mir mein Verstand nicht möglich macht, quasi verbietet, ihren gewöhnlichen Weg des Aufbaus von Kompetenzen in den Gebieten nachzumachen (denn um Selbstbewusstsein, Charakter und stützendes Ego in jungen Jahren aufzubauen, braucht es immer eine bestimmte Verengung und Verkrümmung des Sichtfelds).
Da ich mich dort auch noch zusätzlich in meinen Schulleistungen als schlecht empfinde (→an diesem Ort also, an dem ich Sozialkompetenz und Charakter lernen könnte; erkennt ihr meine Verbindung?), kommt als psychisches Gesamtergebnis ein erwürgender Minderwertigkeitskomplex heraus. Hinein spielt, dass mir durch meine Reflexionsgabe allzeit klar ist, wie falsch ich mich verhalte, wie wenig ich weiß, und was von mir erwartet wird. Der Hauptgrund meiner Depression. Wäre das Bewusstsein darum nicht, ich könnte wenigstens als großes Arschloch noch glücklich leben.
Mein bester Schulfreund seit vier Jahren, der herausragend gut im Leben steht, und an sich markant clever ist, spielt hier auch eine Rolle. Er hat mir sehr oft, bewusst oder unbewusst, ehrlich und ohne Beschönigungen, ganz sachlich meine Unfähigkeiten aufgezeigt, wofür ich ihm dankbar bin, aber dann, das werfe ich ihm vor, mich meistens einfach auf den Erkenntnissen sitzen lassen, ohne mir psychisch zu helfen (wenn auch ich nicht wüsste, wie genau man das könnte, aber vielleicht einfach mit etwas mehr Sensibilität…).
Was er sagte, davon spürte ich, dass es stimmte.
So jemanden Speziellen dann in der eigenen Klasse zu haben, bei dem man die Reifeprozessprozedur in quasi Zeitraffer miterleben kann, zog mich runter und nahm mir Motivation (auch ganz sicher, weil ich gewisse Dinge eindrücklicher verstand als andere). Für meine so kleinen Schritte bekam ich dann, gerade von ihm, was mir wichtig gewesen wäre, weil ich so viel von ihm halte, auch äußerst wenig Lob, was mich weiter niedergeschlagen machte. Das ist schlicht eine ungünstige Zusammenstellung. Ich wage die Behauptung, dass es solche Höhenflieger-Ego-Reife-Typen lange nicht in jeder Klasse gibt, ich hatte hier einen echten “Nachteil”; natürlich ergeben zusammen mit meinen Minderwertigkeitskomplexveranlagungen.
Die Depression geht so weit, dass ich mir viele, viele Dinge da draußen nicht zutraue, dass ich mich für *unwürdig* für eine Menge Dinge halte, mich auf manches nicht konzentrieren kann, selbst wenn ich es will. Da wird das allgemeine Unterlegenheitsgefühl zur Depression.
Mein Gott, ich bin 18! Was gibt es nicht für weitentwickelte 18-Jährige da draußen; ich habe weder Selbstbewusstsein, noch wahren echten Charakter, noch ein (stärkendes und stützendes) Ego. Ich bin eine Null.
Ich habe mich die letzten sechs Jahre in die Parallelwelt der IT verkrochen, sie fast vollständig mein Leben ausfüllen lassen, habe mich tumb machen lassen, bin geflohen vor dem Leben und seinen Herausforderungen, nahm mich oft nicht wahr als freier Geist mit Selbstentscheidungsprivileg, ließ mich in nebliger Wonne apathisch treiben von meiner Tagesbeschäftigung, nicht handeln zu müssen, nicht an mich zu denken, nicht um mich, vergessen können, immer allein, daheim in meinem Zimmer, sechs Jahre, dabei immer mit der dumpfen Ahnung, ja schon in diesem zugeflüchtetem Asyl quälend störend, da ist noch mehr, da ist noch viel mehr in dir.
Was andere als ihre minderjährige Jugend erlebten, da las ich IT-Nachrichten, dokterte an meinen Betriebssystemen herum, und hatte Verständigungsprobleme in der Schule. Bis zur neunten Klasse lässt sich darauf mein Leben reduzieren. Dann mit dieser Klasse und meinem 16. Lebensjahr wurde es besser, ich erkannte zunehmend meine Möglichkeiten und begann, sie zaghaft auszutesten. Doch dann kam etwas, was mir über ein halbes Jahr lang alles düster vernebelte, die zehnte Klasse, in der es lag, war die schlimmste meiner bisherigen Schulzeit (ihr hab sicher schon eine Idee, was so was auslösen könnte). Als ich mich aus der geistigen Klammer entwand, begann ich immer mehr zu verstehen, aber Handeln vermochte ich noch nicht.
Das wird jetzt die Zeit werden, ich will es anpacken, ich will mein Leben ändern, ich will es glücklich machen, und jetzt bin ich fähig dazu.
Und das ist mir so viel Bewusstes, ich weiß gar nicht, wo anfangen.
Um wieder den Bogen zu schlagen zu der Angst um meine Reife und Entwicklung: Oft spüre ich Gedankenblitze aufkommen, die ich beachten, verarbeiten, bearbeiten und Resultate nutzen möchte, aber mir fehlen dazu Informationen, gesellschaftliche, verhaltensbezogene, soziale, mir fehlen sogar Wörter, und ich bleibe mit stotterndem Motor verloren und hilflos in dem Versuch zurück. Man kann das auch so formulieren, dass ich meine Eindrücke nicht in Ergebnisse oder Ausdrücke zu überführen vermag. Meine Intelligenz ist wesentlich höher als meine Reife, das spüre, und das belastet mich seit langem.3 Es macht mich tief unglücklich. So, jetzt ist das raus.
- Das macht es auch schwer, Wörter dafür zu finden – ich weiß es aus einem inneren Gefühl heraus, es ist erst mal keine Logik, die Logik darin muss ich erst selbst suchen und dann versuchen, allverständlich zu vermitteln. (Wobei hier nun gefragt werden darf, ob jene mit viel Anstrengung gefundene Logik alles ist, oder nur das Offensichtlichste, ob in manchem Gefühl nicht ein allumfassendes Verständnis liegt: das irritiert mich, denn wenn ich tiefer in diesen Eindrücken bohre, erkenne ich mehr Details, Beweggründe und Zusammenhänge der Menschen, wie aus einer ewigen Quelle, es gibt selten ein Stopp, es ist ein Denkmodell, das sich aus der Rationalität heraushebt - es ist, als lägen die Informationen in mir, nicht in den Dingen – die Diskussion, die sich nun hierüber wieder auftut, lasse ich mal aus.) [↩]
- Für die Stelle im Schulleidensbericht suchen nach “Was ich vor allem in der Schule bräuchte” [↩]
- Bitte bekommt das mit der Intelligenz nicht in den falschen Hals, ich will nicht angeben und habe auch durch meine objektiven Leistungen keinen Grund dafür, aber ich muss das hier in dieser deutlichen Form schreiben, weil es stets vernachlässigter Part des Problems ist. [↩]
Wenn das Alte nicht mehr soll, muss was Neues sich entwickeln
8. Nov 2009
Wer mir auf Twitter oder über status.net folgt, bekam seit einem Jahr enorm viel von mir mit, aber hier auf meinem Blog wurde es immer stiller.
Nun bin über was hinweg gekommen, glaub ich.
Ich will wieder schreiben.
Ich will wieder schreiben, es tut mir gut. Die Person, die mich so lange blockierte, soll keine indirekte Macht mehr über mich haben.
Sie hatte zu nicht geringem Teil indirekt über zwei Jahre das Programm meines Blogs bestimmt – jetzt hab ich das überwunden und bin wieder geistig frei.
Ich habe mit diesem Blog durch brutale Selbstdisziplin immer wieder meine Grenze überschritten und die Latte höher gelegt, aber zu welchem Preis? Für die kläglichen zehn dieses Jahr veröffentlichten Beiträge habe ich viel zu viele Stunden gebraucht, meistens über Tage hingeggezogen. Das kann man auch anders machen. Davon abgesehen, dass diese letzten Beiträge sehr komplexe Introspektionen erforderten und waren (horrendes Beispiel), und mehr wissenschaftliche Auseinandersetzungen als Blogbeiträge, glaube ich, lässt sich das Sprachniveau auch mit weniger Bemühen erreichen, setzt man sich nur häufiger mit Schrift auseinander.
Das möchte ich probieren: Mehr schreiben, und daran evolutionär wachsen, nicht mehr in revolutionären Sprüngen, wie ich es bisher unter großen Gehirnverrenkungen tat. Das ist der bessere Weg und auch der Weg, durch den man eher total lernt, als beim revolutionären, bei dem man sich meist auf seinen einen Text und dessen steife Bedingungen verengt. Durch den evolutionären Weg kristallisiert man mit der Zeit situationslosen Charakter (und kein “System” wie beim revolutionären) aus seinen Anlagen, er ist viel mehr natürlich, er ist der Lernweg des Lebens.
Ich bin mit meinem Blog an einem Punkt, an dem es nicht mehr weiter geht. Ich will das so nicht mehr.
Recht häufig bekomme ich kleine Ideen für Blogbeiträge, die ich aus Mangel an “Tiefe” und “Relevanz” nicht weiter verfolge. So habe ich viele Dinge, die mir auf dem Herzen lagen, verdrängt. Ich habe mich auf diesem Blog in einen wahnsinnigen Selbstanspruch getrieben, der letzten Endes nur der verzweifelte und verstörte Wunsch war, jemandem zu gefallen und etwas umzuschreiben.
Jetzt habe nicht mehr die Absicht, damit vor wem Bestimmtes zu imponieren oder mich zu beweisen, was es einfacher macht, über Kleinigkeiten, Banalitäten, kompaktere Gedanken und Erlebnisse zu berichten, ganz nach Lust. Ich habe vor, den Blog neu zu erfinden.
~Hiermit lege ich den zwanghaften Brutal-Perfektionismus ab und sage mich von ihm los~
Ich mache mir zur Zeit, auch gerade wegen Twitter, viele Gedanken darüber, wie und warum ich so viel Privates und Intimes von mir ins Netz stelle.
Ich habe wenig Freunde, im realen Leben verdammt wenige. Microblogging ist eine Strategie von mir, “unter Menschen zu kommen”, und auch völlig neue Charakterbilder kennen zu lernen, denen ich im normalen Leben niemals begegnet wäre.
Auf Twitter, fällt mir immer stärker auf, möchte ich mich als tolle Person darstellen und möglichst viele “Freunde”, Sympathisanten, um mich scharen (was sie mir geben und was ich ihnen zurückgebe ist noch mal eine ganz andere Geschichte, die mir auch zuweilen schlechtes Gewissen bereitet).
Ich fühle mich alleine, möchte nette Antworten, möchte doch im Grunde nur mit *Freunden zusammen sein* – das ist es. Ich gebe in naher Verzweiflung so viel von mir preis, damit sie mir näher sein können, und damit mir jede ihrer Reaktionen näher vorkommt.
Das ist so traurig, ich will da was an meinem Leben ändern.
Ich schreibe auch allgemein zu viel auf Twitter. Nur wirklich verdammt Guten mit so viel Tweets wie ich über den Tag folge ich selber, meinen Account wollte ich mit diesem ganzen gelangweiltem Geplänkel eigentlich keinem Fremden zumuten. Ich will schauen, wie ich das verbessern kann.
Was kommen wird, ist auch ein neues Blog-Design, dazu hatte ich noch nicht die Zeit und werde sie mir noch eine ganze Weile lassen, denn so was will gut gewählt sein. Das jetzige dumdum-Thema hielt hier mit der Umbenennung von WinLux-Blog auf Frumble201 im Juli 2008 Einzug und jetzt ist es Zeit für etwas Neues.
An meinem Schreibstil muss ich weiter arbeiten. Wenn ich z. B. @verdachtsmoments Twitter-Account und Blog lese, und sie ist erst 16, wird mir ganz anders. Der muss nicht nur besser werden, der muss auch natürlicher und schneller werden. Den Handlungsbedarf seh ich da so herb, weil Schreibenkönnen noch eines meiner kleinen raren Stolzreliquien ist.
Ich will jetzt also versuchen, nachdem ich es jetzt kann, keine so große Selbstdarstellung mehr zu betreiben, sondern meine Texte ohne unterschwellige Angeberei (die ich aus Unsicherheit nötig hatte, im Grunde rede ich mir selbst dabei etwas ein) für sich sprechen zu lassen.
Die kommenden Beiträge auf diesem Blog werden erst mal noch Verarbeitungen von Themen sein, die mich schon lange Zeit belasten und die ich endlich rauslassen möchte. Danach wird es hier dann Formatänderungen geben.
Langsam erkenne ich, was mir wirklich wichtig ist, wo meine Stärken liegen, und was meine Herzenswünsche sind. Ich möchte in stärkerem Bewusstsein leben, glücklich werden, ich möchte darauf zuarbeiten.
Ich will mich neu erfinden,
Ich will mein Leben verändern und fange mit meinem Online-Leben an, weil das einfacher ist.
Ich möchte mehr gute private Blogs ohne Tech-Zeug lesen und dafür Tech-Zeug aus meinem Feedreader rausschmeißen. Überhaupt, mein Feedreader ist eine Katastrophe: So ungelesen, dass ich ihn schon kaum mehr öffne.
Ich will mehr Bücher lesen.
Ich will vom Autor wieder zum Blogger werden.
Ich möchte vieles ändern.
Parallel zu dem hier Genannten will ich versuchen, das auch außerhalb des Internets und meines Zimmers zu tun.
Das ist ein Neustart und ich begrüße euch bei meinem Versuch eines erfüllteren Lebens.
Bestürzende moderne weibliche körperliche Gesellschaftszwänge
10. Sep 2009
Mir fiel die letzten Jahre immer deutlicher an den Mädchen meiner Klassenstufe auf, dass, je älter sie werden, dass da etwas mit ihren Beinen nicht stimmen kann. Sie wirken aus einem inneren Gefühl heraus irgendwie befremdlich unnatürlich. Dahinter stand kein größeres Lösungsinteresse und überhaupt waren die Beobachtungen eher unbewusst.
Nun, durch einen Zufall erlebte ich vor kurzem eine Szene, in der von Freundinnen über andere Mädchen und eines im Speziellen gelästert wurde, das sich die Beinhaare nicht rasiert: »Wuääh! Wie unmöglich!« – Beinhaare rasieren?!
Das war es also, was nicht stimmte. Ich hatte es doch schon gefühlt…
Das hat mich enorm schockiert. Diese Mädchen diskriminierten sich also untereinander bei nichtrasierten Beinen. Ich hab mit offenem Mund gestaunt.
Ich war entsetzt, als mir aufging, wie lange meine Mitschülerinnen das schon tun mussten: Schon Jahre bevor ich anfing, mir regelmäßig meinen Bart zu rasieren.
Ich dachte immer, das wüchse so, beziehungsweise “in dem Alter” NOCH NICHT. Ich hatte eine obskure Vorstellung davon, dass die Beinhaare erst ab Anfang 30 bei Frauen beginnen zu wachsen, wie gesagt, ich hatte mir darüber noch nie bewusst Gedanken gemacht.
Auf Nachfrage, wie sie das über das Jahr über hielten, erklärte man mir in Eile, dass das “darauf ankommt, ob man ‘nen Freund hat”. Aber in wiefern, in welche Richtung? Erwarten das etwa sogar die Jungen in einer (körperlichen?) Liebesbeziehung, und gilt es ganz abstrakt als wichtiger Attraktivitätspunkt? Oder aber braucht man gerodete Beinhaare nur, solange man noch keinen Freund hat, weil dieser dann vollstes Verständnis zeigt?
Damit warf sich in mir die Frage auf, ob eine Beinglattrasur gar schon persönliches Schönheitsideal für die Frauen geworden ist und nicht nur Konvention.
Das ist doch nur ein leichter Flaum, nicht so was wie bei Männern!
— Dabei fällt mir auf, dass ich eigentlich gar keine Vorstellung davon habe, wie junge Frauenbeine unrasiert aussehen. Nur aus Einschätzung und Gefühl heraus glaube ich aber, es sind nicht so viel, es sind weniger und zartere Haare, und farbloser.
Was hier natürlich aufkommen könnte und das ich vorsorglich klären möchte: Ich bin nicht vom anderen Ufer. Ich hab keine Schwester, ich hab keine Freundinnen (hier), ich hab keine Freunde in der Gegend, mit denen ich besonders viel gemein hätte. Über solche, ich sage mal, weltlichen Dinge, kommt kaum einer (meiner Freunde) auf die Idee zu chatten, man spricht doch über diesen Themenkomplex eher, wenn man real zusammensitzt. Meine Gespräche sind in der Regel bestimmt von Abstrakta und Theorie, nicht vom Auspacken von seltsamen Geschichten und Beobachtungen am anderen Geschlecht. Diese Sachverhalte nicht zu kennen und auch größtenteils nicht die gegenwärtige “Kultur- und Schönheitsempfindung” zu teilen, erklären sich somit durch meine vorwiegende Kommunikationsart und meinen Freundeskreis.
Bald kam ich, logisch erweiternd, auch noch auf ein ganz anderes Gebiet: Die Achseln. Mir schauderte es, als ich begriff, dass wie die Beinhaare wohl auch Frauen Achselhaare wachsen müssen und – der Grund des Schauderns – allerorts absolut unbeanstandbare glatte Achselhöhlen zeigen, was bedeuten muss, dass sie sie penibelst und akribisch in sehr häufigen Abständen rasieren und überprüfen müssen, wovon ich aber noch nie sprechen gehört habe. Man schweigt darüber. DAS ist das Unheimliche!
Seit wann ist das schon so, seit wann ist das Pflicht, Mode, Norm? Ich erinnere mich noch düster: Mitte der 90er konnte man noch viel öfter Achselhaare bei Frauen sehen (erinnere mich nur allgemein, nicht, bei welcher Altersgruppe). Ich war zwar noch sehr jung, aber sagt mir, ist das Einbildung?
Männer können mit Achselhaaren herumlaufen, ein bisschen sollen sie sogar, glaube ich, haben. Auch das scheint Frauen verboten zu sein, aber das ist noch ein bisschen nachvollziehbarer als das mit den Beinhaaren. (Schweiß durch Arbeit → männlich; keine Schweißabfänger → “weiblicher”)
Dadurch separiert ihr euch noch mehr von den Männern und steckt euch damit SELBER in ein konservatives Frauenbild hinein! Es ist antifeministisch!
Da man (- ich) nur perfekt rasierte Frauenachseln sieht, und da ich einschätzen kann, wie schnell dort die Haare nachwachsen, muss ich doch annehmen, dass ihr sie täglich genötigt seid zu rasieren. Hammer.
Bei manchen ist das äußerst sexy, an vielen sieht es einfach nicht gut aus, haarlose Beine passen an ihnen nicht zum Körper (was überhaupt nichts mit Burschikosität zu tun hat). Das sind die, an denen es dann auch besonders unnatürlich, befremdlich, falsch wirkt und an denen der gesellschaftliche Zwang am deutlichsten wird, durch den sie es dennoch tun.
Wenn ich die 90er nicht miterlebt hätte, und daheim nicht meine Mutter sehen würde, die aus der Mitläuferzeit heraus ist, läge das Denken nur allzu nahe, Frauen hätten keine Achselhaare! Eine perfekte Illusion da draußen, und ihr alle spielt mit!!
Dass ich dachte, Frauenbeinhaare wüchsen auch erst mit Anfang 30, ist genau das Selbe! Ich seh einfach keine unter diesem Alter mit Beinhaaren!
Täglich die Achselhaare rasieren, das muss für euch zum Tag gehören wie Zähneputzen. Reizt das die Haut nicht irrsinnig? Nicht selten, wenn ich das mach, schneid ich mich dabei. Ich weiß nicht, ob ich’s wirklich wissen will, welche Tricks und Apparaturen ihr dafür bemüht, damit das immer so aalglatt aussieht… Vielleicht habt ihr da ja ganz andere Haut, oder ihr seid auch gar nicht so perfekt und immer gründlich, aber habt dann “draußen” große Hemmungen, euch natürlich zu bewegen, weil andere die Wündchen oder nichtrasierte (!!!) Stellen sehen könnten, zieht euch dann auch für diese Tage was Geschlosseneres an…
Je länger ich über dieses und ähnliche Themen nachdenke, desto mehr Leid tut ihr mir.
Damit komm ich zur Frage: Macht ihr das auch so verbindlich wie Zähneputzen, oder seht ihr das an Wochenenden, in Ferien und Co. nicht doch etwas legerer? Geht es euch darum, in einer fest definierten Gruppe euren Status zu wahren (“Schulklasse”), oder wollt ihr auch “für” Fremde auf der Straße (in den Ferien z.B.) unbehaarte Achselhöhlen und Beine haben? Wenn ja, wofür? Warum meinen denn so viele von euch, immer sexuell attraktiv sein zu müssen (nach den Konventionen) und nicht nur einfach hübsch? Wo ist der Sinn dabei? Und hey, ihr seid Mädchen, das Hübschsein wird euch von der Natur schon viel leichter gemacht als uns; oder meint ihr nicht? Warum braucht’s da noch mehr?
Damit erreicht ihr höchstens eine Penetration, nicht aber euren Traummanntyp, den ihr erhofft. Was also soll das? Es kommt mir vor, als wär die ganze Konvention von lüsternen Männern erdacht, und euch durch Gehirnwäsche aufgezwungen!
Wie haltet ihr es, wenn ihr mehrere Tage das Haus nicht verlasst (Ferien; dabei schließ ich zwar von mir auf andere, aber mal angenommen)?
Und überhaupt: Wie haltet ihr das im Winter, in der Jahreszeit, in der ihr überhaupt niemandem eure Beine und Achseln zeigen, geschweige denn Rechenschaft darüber ablegen müsst?
Eure Antworten auf diese Fragen, gerne differenziert, beantworten euch, ob ihr nur gezwungenermaßen den aktuellen Schönheitskonventionen folgt, um nicht ausgeschlossen zu werden, oder ob ihr sie als natürlich empfindet. Ob ihr euch schämt, wenn ihr nicht rasiert seid.
Ich spreche bei den Achselhaaren nicht von drei Zentimetern, ich spreche von noch ästhetischen Längen.
Bei beidem nehme ich euch nicht ab, dass “die Männer das einfach so wollen”. Ihr könnt euch sehr wohl gegen solchergestalten Ansprüche wehren und sie ausschlagen. Natürlich war das zu erst Hollywood, die Idee wurde bekannt, der Wunsch geäußert, dann habt ihr euch alle angepasst und seid pariert.
Welcher Trend soll als nächstes folgen? In welche bedingungslose Verzichtabhängigkeit und falsche Tugend – denn nichts anderes ist das – soll euch das noch führen?
Nietzsche: »Nutzen der großen Entsagung: Das Nützlichste an der großen Entsagung ist, dass sie uns jenen Tugendstolz mitteilt, vermöge dessen wir von da an leicht viele kleine Entsagungen von uns erlangen.«
Wir erschaffen eine neo-viktorianische Gesellschaft, aber diesmal gibt es keiner zu!
Ich empfinde es hier als angebracht, die Funktionen der Haare ins Gedächtnis zu rufen: Arm- und Beinhaare zum Kälteschutz, populärste Überreste des Ganzkörperfells. Achsel- und Schamhaare: Schweißabnehmer – das sind beides Extremitätenendzonen, in denen viel Muskelarbeit und Reibung stattfindet.
Öhm, ok. Weiter ausführen, dass letztgenannte Regionen ohne wenigstens leichte Behaarung schnell sehr schweißig werden, brauche ich wohl nicht. Und das der Schweiß runterrillt und dann ernsthaft riecht, großflächig über den Körper verteil. Oder doch…?
Die Haare haben einen Sinn. Auch heute. Welche falsche Scham aus diesem durchdachten Prinzip baut ihr also daraus?
Wollt ihr wissen, wie ich meinen Körper zurückweise? Ihr wollt es nicht, aber ich sag es euch trotzdem: Alle drei Monate lasse ich mir die Kopfhaare schneiden, etwa alle drei Wochen rasier ich mir die Schamhaare, alle zwei Wochen schneid ich mir die Nägel, ebenso etwa alle zwei Wochen die Achselhaare, und auch etwa alle zwei Wochen die Brusthaare, wenn ich die Brust gerade lieber glatt habe; alle zwei bis drei Werktage rasiere ich meinen Bartwuchs, jeden Tag putz ich mir die Zähne. Punkt. Eventuell nicht repräsentativ für einen Jungen, aber so sieht’s aus. Versteht aus diesem Standpunkt meinen Schock über euren einvernehmlich selbstaufgestachelten Körperkult. [Anmerkung Juli 2011: Die Intervalle sind noch sehr viel großzügiger geworden. Abgesehen vom Zähneputzen und den Nägeln, natürlich.]
Ich hab schon oft versucht, einen tieferen Sinn in eurer emsiger Beschäftigung und Auseinandersetzung mit eurem Körper (in allen Bereichen) zu finden, diese große Körperlichkeit und Körperkonzentriertheit, aber ich komme einfach auf keinen. Verzeiht, aber so müsste ich eigentlich denken, ihr seid so nieder materialistisch und objektizistisch und dabei paranoid untereinander. Und doch schwingt dabei etwas mit: Unterdrückung durch den Mann und der Wille nach Freiheit, aber sogleich mit ihm, als sei es eine Miterscheinung, das Schaffen von Strukturen zum eigenen Ausgrenzen und Erschweren in seltsam diametraler Richtung gegen die Annäherung der eigenen Rechte hinauf zu jenen des Mannes.
Das ist kein Emanzipationsproblem mehr, sondern ein ganz neuer Streit darum, was es heißt, eine Frau zu sein, aus euren Reihen. Vielleicht aus reaktionärer Angst, vielleicht während der zunehmenden Emanzipation eine Suche nach wahrer Weiblichkeit, verleitet gestrandet im Materiellen, vielleicht sind auch gewisse Elemente so konstelliert, dass sie eine eigene Wettbewerbsordnung erschaffen, dass sie ein eigenes Funktionssystem aus sich heraus entwerfen möchten – aber schließlich ist es eine Identitätskrise.
Auf mich wirkt euer Beinhaarumgang widernatürlich und befremdlich. Ich finde ihn übertrieben und neurotisch.
Euren Achselhaarumgang finde ich schlicht schockierend. Zwar gebe ich zu, dass haarlose Achseln sexyer sind, ich kenne es aber auch nicht mehr anders. Macht es wieder sexy, seid sexy mit eurem Kopf, macht leichte Achselbehaarung wieder salonfähig, indem ihr sie im Kollektiv langsam wieder einführt und sanft erhöht – dann wird sie auch akzeptiert. Ein Tabubruch muss erfolgen! Behindert euer Positionsfortschreiten nicht selber, tretet ein für eine zwangsfreie, freie Lebensgestaltung! Es ist höchste Zeit!
Nachwort (26. September 2009)
Es wurde von einigen gefragt, was mich das Thema denn anginge, »schließlich ist er kein Mädchen«, das könne mir doch vollkommen egal sein.
Ihr tut mir einfach furchtbar Leid.
Wenn es mich doch nicht direkt selbst betrifft, so möchte ich zumindest, dass meine noch ungeborenen Töchter einmal nicht in einer Welt unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen und Zwängen werden leben müssen.
Das Plädoyer ist sogar sehr eigennützig: Wenn ich als Mann dauerhaft neue Rechte erhalten möchte, die bisher den Frauen vorenthalten waren, muss es ein gerechtes Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern geben, sonst wird meine “Nahme von Rechten” immer argwöhnisch beäugt werden; und *körperliche* Zwänge sind dabei absolutes No-Go und unzuwirklich dem Ziel, so was darf es nicht geben.
Der Körper ist das Niederste, und Gedanken sind seinen Ideen, seinen Vorstellungen in gewisser Weise bedingt und unterworfen.
Die Enthaarungspraxis und der gesellschaftliche körperliche Zwang dahinter dient nur der Unterdrückung und Unterwerfung; von den Männern mehr oder weniger bewusst lanciert und in eure Köpfe verpflanzt, um euch unfrei, “bewusstlos”, zu halten, ihnen “ungefährlich”.
Ihr müsst doch das erkennen, was hier mir euch gemacht wird! Ihr seid Sklaven der Vorstellungen der Männer, geschickt von ihnen in eure eigenen Ideale geschrieben!
Wenn ihr gar nicht das Bedürfnis habt, dagegen zu rebellieren, – das versteh ich voll! Aber denkt doch mal über dieses System auf einer höheren Ebene nach, ihr werdet erkennen, wie es funktioniert; dass die “natürliche Notwendigkeit” durch die Medien – und letztendlich dahinter den lüsternen Männerköpfen als Entscheidern, die eben genau so etwas sehen wollen – seit Jahren propagiert wird, bis ihr es tatsächlich als Eigenschaft von “Weiblichkeit” annahmt; das ist fatal!!
Wenn ich hypothetisch mit einem Mädchen den Körper tauschen würde, ich würde mich aktuell sehr bedrängt, unter Zwängen und Erwartungen und Idealen fühlen, nicht gleichberechtigt und von anderen bestimmt, befohlen und eingeschränkt; das empfände ich als höchst unangenehm.
Das stelle ich mir schrecklich vor, ich empfinde ja schon alleine die geistige Unfreiheit, die natürlich auch ich habe, als große Behinderung in meiner persönlichen Auslebung und Entfaltung, dazu noch mehr körperliche Zwänge, oh Gott! So wollte ich nicht leben! Das ist keine Freiheit!
Macht euch dessen bewusst, was mit euch *getan wird*, macht euch dessen bewusst, *was ihr nicht dürft*, was euch *verhindert wird*, was euch an Freiheit *entgeht*. Die Freiheit gehört euch durch die Natur, sie wird euch genommen; ihr seid nicht Frauen, ihr seid *Menschen* und sie steht euch zu!
Dagegen müsst ihr was tun, echt. Mir ist völlig klar, dass ihr euch nicht trauen werdet, in Trotz auf einmal mit Bein- und Achselbehaarung herumzulaufen, würde ich mich an eurer Stelle auch nicht.
Das Thema muss diskutiert werden, es muss öffentlich gemacht werden und es muss zum öffentlichen Interesse werden – was es natürlich unter jeder von euch schon sein sollte.
Sprecht mit Männern darüber, nicht nur Partnern, sondern allgemein mit Freunden. Macht ihnen klar, wie ihr den Zwängen unterworfen seid, und glaubt mir, die werden nachsichtiger damit werden und sein, als ihr selbst untereinander, die möchten euch helfen.
Sprecht überhaupt mit so vielen Freundinnen und Freunden wie möglich darüber, wenn ihr einen Blog habt, bloggt darüber, stellt eure Situation dar. Das ist der Schritt hin zu ungehemmter Empörung, Mut und schließlich einer Änderung, die gesellschaftlich akzeptiert wird.







